“Wer spricht, hat Macht.”
“‘Halt den Mund, du Schlampe’ ist ein ziemlich gängiger Spruch.”
Meine Nachbarin ist eine Sirene. Sie sitzt am Dach der alten Feuerwehr und ist die meiste Zeit recht schweigsam, doch wenn sie ihre Stimme erhebt, dann kann man sie nicht überhören. Sie tut es unvermittelt und zu jeder Tages- oder Nachtzeit, und jeden Samstag. Der Ruf der Sirenen ist schrill. Der Ruf der Sirenen geht durch Mark und Bein, erschüttert im ursprünglichsten, körperlichen Sinn. Der Ruf der Sirenen ist schlecht.
Die Sirenen der Antike sind dafür bekannt arglose Seefahrer in den Tod zu locken. Nur Orpheus und Odysseus kommen unberührt an den Sirenen vorbei: der erstere durch Lautstärke, der andere gefesselt an den Mast seines Schiffes. Ob er wirklich zugehört hat? Ich zweifle daran, dass die Sirenen nur seine Heldentaten besungen haben sollen, noch dazu wenn sie allwissend waren. In dieser Verheißung von Wissen, und nicht in der Schönheit ihres Gesangs, sieht Cicero ihre eigentliche Anziehung. In der antiken Literatur werden acht Sirenen namentlich erwähnt: Aglaophonos, die mit der schönen Stimme; Thelxiope, die bezaubernde Stimme; Peisinoe, die Überredende; Parthenope, die mit der Mädchenstimme; Molpe, die Singende; Ligeia, die Helltönende; Leukosia, die Weiße und Himeropa, die mit der sanften Stimme. Nichts in ihren Namen deutet auf ihr angeblich verderbliches Wesen hin.
Die Ignoranz des Odysseus bringt die Sirenen angeblich dazu, sich selbstmörderisch ins Meer zu stürzen. Klar, mann weiß, die Mädels können eben nicht mit Niederlagen umgehen. Aber als Töchter der Musen, oder, bei anderen Autoren, der Erde und des Meeres, ist es da wahrscheinlich, dass sie Selbstmord begehen, weil ein einziger Mann ihnen nicht zugehört hat? In seiner Erzählung ‘Die Sirene’ meint Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Geschichten vom Selbstmord der Sirenen seien “kleinbürgerliche Dummheiten der Dichter; keiner entflieht ihnen, und auch wenn ihnen jemand entwischt wäre, so wären sie um so wenig nicht gestorben. Wie hätten sie es übrigens zuwege bringen sollen, zu sterben?” Viel wahrscheinlicher ist: Sie tauchen ab und behalten ihre Weisheit in Zukunft für sich.
“Es wurde erzählt dass die Sirenen Gefährtinnen der Unterweltkönigin waren. Sie seien Töchter der Chthon, der „Erdentiefe“, und Persephone sende sie. (...) Die Sirenen hatten die Aufgabe, die ankommenden bei der großen Unterweltkönigin zu empfangen und sie, mit den süßen Tönen ihrer Musik und ihres Gesanges bezaubernd, bei ihr einzuführen. Und zwar nicht nur die unglücklichen Schiffer, sondern alle, die in das Totenreich eingehen müssen. Die Bitterkeit des Todes wird durch ihre Kunst gemildert und verklärt.”
In der Literatur tauchen die Sirenen dann später als Meerjungfrauen und Nixen wieder auf, jedoch meist in Gestalt von seelenlosen und meist auch sprachlosen Männerphantasien. Über die sexuelle Attraktivität der Sirenen wird in der Antike kein Wort verloren. Erst später werden sie variantenreich zum Schweigen gebracht und enden als Pin-up auf Sardinendosen. Doch dazu ein andermal.
Zurück zu meiner Nachbarin: Der französische Ingenieur und Physiker Charles Cagniard de la Tour (1777-1859) hat den Sirenen im Jahr 1819 ein für alle Mal ihre Stimme zurückgegeben. Anfangs habe ich sie nicht leiden können, jeder ihrer Rufe hat mich in Panik versetzt. Mit der Zeit habe ich gelernt der Sirene genauer zuzuhören. Sie spricht von Unheil, Feuer, Unfällen, all dem, was im Leben schief gehen kann. Und es ist immer die Wahrheit. Die Sirene benimmt sich nicht wie es die Gesellschaft von Frauen erwartet. Sie erscheint als Personifikation der uncharmanten aber dafür wirkungsvollen Frau.
“Eine gängige Methode, die politische Passivität von Frauen zu garantieren, ist es zu bemerken, sie könnten effektiver und einflussreicher sein, wenn sie nur ‘würdevoll’, mit Anstand, wie es sich gehört handeln würden, wenn sie charmant bleiben. Frauen sollten für diese Art von Einschüchterung, die als guter Rat verpackt ist, ihre Verachtung zeigen. Frauen werden politisch viel wirkungsvoller sein, wenn sie grob, kreischend und - nach sexistischem Massstab - unattraktiv sind.”
Grau und unscheinbar beobachtet sie das Geschehen, hat sie etwas zu sagen, dann bleibt sie nicht ungehört. Die Sirene schämt sich nicht für ihre Stimme, sie flüstert nicht, sie beschwichtigt nicht, sie argumentiert nicht und lässt sich nicht auf Diskussionen ein. Sie lässt sich nicht unterbrechen. Sie macht keine Vorschläge, keine Zeitpläne oder Termine. Sie formuliert eindeutig. Jetzt! Feuer! Man kann sich ihrer Stimmen nicht entziehen, sowenig wie man sich der Sterblichkeit entziehen kann. Und während die Kirchenglocken an einen patriarchalen Gott erinnern, singen sie von den Töchtern der Erde, den Töchtern der Musen, den vertriebenen Göttinnen und zum Schweigen gebrachten Frauen. Es lohnt sich diesem Ruf zu folgen.
zum weiterlesen:
Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Die Sirene. 1957
Susan Sontag: The Third World of Women. Partisan Review 40. 1973
Vorsicht Lebensgefahr! Sirenen, Nixen, Meerjungfrauen in der Kunst seit der Antike. 2014