Venice Design Week

Ausstellung Creative Times 2019

Ich freue mich im Rahmen der Venice Design Week ein neues Wandbild zu zeigen.

Wann

Samstag, 12. Oktober - Sonntag, 20. Oktober 2019

täglich 11 - 18 Uhr

Meet & Greet Montag, 14. September um 18.30 Uhr

Wo

Galleria Sant’Eufemia
Giudecca 597, 30133 Venedig

Erreichbar mit den Linien 2, 4.1 und 4.2, Haltestelle Palanca

Kuratorin: Michela Codutti

Funktionalität oder Konzept? Und welchen Stellenwert haben Farbe, Abenteuer oder Schönheit? Kuratorin Michela Codutti stellt Kunst und Design als einander ergänzende, aber auch wiedersprechende Aussagen in dieser Debatte gegenüber.

Designers and Artists:
Abdon Zani, Anna Korte, Saara Korppi, Carole Peia, Elisa Friman, Retorta, Fanny&Mari, Ghislaine Garcin, Hannah Stippl, Mona Velciov, Pipedesign Laura Doro.

Drei Fragen / Three Questions

Ein Kurzinterview

Was an deinem Handwerk liebst du so sehr, dass du dein Leben der Kunst widmest?

Ich liebe die Arbeit mit Farben und ich liebe das Forschen in der Kunst. Beides hat viel mit Freiheit zu tun. Als Künstlerin kann ich mich über die Grenzen der Disziplinen hinweg setzen und Zusammenhänge sichtbar machen, die ansonsten unbemerkt bleiben. Dieses undisziplinierte Arbeiten beeinflusst auch die Malerei, die mit mir verbunden ist wie das Atmen. In der besten Momenten der Arbeit denke ich nicht mehr darüber nach, versucht nicht der Kopf zu bestimmen, was die Hand ausführen soll. Ich male dann als ganzes Wesen, ungeteilt. Es hat etwas mit jener Selbstvergessenheit zu tun, die völlige Konzentration möglich macht. Malen ist existenziell.

Gab es einen bestimmten Moment oder eine bestimmte Person in deinem Leben, die dir klar machte, dass du Künstlerin werden willst? Wenn ja, was ist passiert?

Es gibt weder diesen Moment noch eine Person, ganz im Gegenteil, ich wollte Künstlerin werden noch bevor ich wußte was das ist oder wie ich es werden kann. Es war nicht möglich es nicht zu sein.

Was bedeutet Erfolg für dich als Künstlerin?

 “Und Sie können davon leben?” Wann haben Sie zuletzt ihre Ärztin gefragt, ob sie von ihrer Arbeit leben kann? Als Künstlerin ist es eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden. Manchmal gefolgt von:“Sollte ich Sie kennen?” An den Erfolg in der Kunst wird ein materieller Massstab angelegt, ein Barometer mit den Einheiten reich und berühmt. Das Ziel scheint klar, die Möglichkeiten es zu erreichen fragwürdig. Ich lebe von und mit der Kunst, aber ich bin weder reich noch berühmt, früher hätte ich mit einer Mischung von Ironie und Hoffnung ergänzt - noch nicht. Erfolg ist immer nur vorübergehend. Jeder Erfolgmuss vom nächsten übertroffen werden, um Bestand zu haben, schon das nächste Ranking irgendwo kann ihn wieder zunichte machen. Erfolgsgeschichten sind die neuen Märchen. 

Es lohnt, sich das Wort genauer anzusehen. Ursprünglich wurde der Begriff Erfolg neutral verwendet, im Sinn von etwas ist erfolgt, geschehen. “Die Welt ist alles, was der Fall ist”, merkt Wittgenstein an, und was der Fall ist, die Tatsache, das ist Erfolg. So interpretiert verändert sich die gesamte Fragestellung, denn es geht nicht mehr um Verkäufe oder Beliebtheit, sondern um Tatsachen, eine Kombination aus Taten und Sachen. Ist Kunst nicht genau das? Was heißt das nun für den Erfolg? Jenseits der Notwendigkeit von linearem Wachstum ist der Begriff nicht mehr so fragil, nicht angewiesen auf Rekorde und Produktionssteigerungen. In der Kunst ist Erfolg nicht jährlichen Zuwachs der Produktion gebunden. Es geht vielmehr um das Aufrechterhalten von Tätigkeit, weiter Malen, Denken, Tatsachen schaffen. Damit bin ich bei dem,was Erfolg für mich persönlich bedeutet: Mich nicht aufhalten lassen, meinen Interessen immer weiter zufolgen und neue Interessen in der Welt zu finden. Mich weiter mit Kunst zu beschäftigen und unbeirrt meine künstlerische Arbeit zu machen, immer weiter die Bruchstücke einer fragmentierten Welt zu neuen Zusammenhängen zu fügen.


A Short Interview

What is it about your craft that you love so much that you have committed your life to being an artist?

I love the work with colors and I love the research in the art. Both have a lot to do with freedom. As an artist, I can go beyond the boundaries of disciplines and visualize relationships that would otherwise go unnoticed. This undisciplined work also influences painting, which is connected with me like breathing. In the best moments of the work I do not think about it anymore, do not try to determine what the hand should do. I then paint as a whole being, undivided. It has something to do with that self-forgetfulness that makes total concentration possible. Painting is existential.

Was there a defining moment or person in your life that made you realise you wanted to become an artist? If so, what happened?

There is neither this moment nor a person, on the contrary, I wanted to become an artist even before I knew what it was or how I can become it. It was not possible not to be an artist.

What does success mean to you as an artist?

"And you can live on it?" When did you last ask your doctor if she could live from her work? As an artist, it's one of the questions I'm most likely to be asedk. Sometimes followed by: "Should I know you?" A material scale is created for success in art, a barometer with the units rich and famous. The goal seems clear, the possibilities to achieve it are questionable. I live by and with the arts, but I am neither rich nor famous, in the past I would have complemented this - with a mixture of irony and hope - not yet. Success is always temporary. Every success must be surpassed by the next one in order to survive, the next ranking somewhere can nullify it. Success stories are the new fairy tales.

It's worth taking a closer look at the word. Originally, the term success was used neutrally, in the sense of something has happened, something has been done. "The world is everything that is the case," notes Wittgenstein, and what is the case, these fact that is success. Thus interpreted the whole question changed, because it is no longer about sales or popularity, but about facts, a combination of deeds and things. Is not that exactly what art is? What does that mean for success? Beyond the need for linear growth, the term is no longer so fragile, not dependent on records and production increases. In art, success is not tied to annual growth in production. It is more about maintaining activity, painting, thinking, creating facts. This brings me to what success means to me personally: not to stop, to continue to pursue my interests and to find new interests in the world. To continue to occupy myself with art and to do my artistic work, to add the fragments of a fragmented world to new contexts.

Schönheiten

Wann immer ich durch Museen gehe, treffe ich Schönheiten. Ich habe hunderte von Fotos gemacht, in Paris, Jerusalem, London, Wien, New York, Amman, von vielen weiß ich längst nicht mehr wo. Sie haben viele Namen: Venus, Idol, Muse, Nymphe, Vogelgöttin, Aschera, Astarte, Fruchtbarkeitsgöttin. Ich nenne sie Schönheiten, denn die vielen unterschiedlichen Namen verschleiern mehr als sie zeigen. So fremdartig sie sind, so habe ich doch das Gefühl sie zu verstehen, zu sehen, was sie mir zeigen. Jede der Figuren erzählt ihre Geschichte, jede erzählt aber auch von mir selbst. Anfangs habe ich mich bemüht mehr über sie herauszufinden, aber sie interessieren die Wissenschaft doch nicht besonders und ich kann nicht viel mit den Erkenntnissen anfangen. Das fängt schon bei den Namen an: Als Venus werden die Figuren zu prähistorischen Pin-ups, die mit der Göttin Venus und ihrer wechselvollen Geschichte gar nichts zu tun haben. Sie erzählen von einem nur allzu einfachen und klar ausgerichteten männlichen Blick. Und Idol? Hinter dem oberflächlich positiven Begriff lauern die Trugbilder, Abgötter und heidnischen Götzenbilder. Ein Weiblich-Göttliches ist in der westlichen Kultur völlig ausgeschlossen und ein paar feministisch-esoterischen Spinnerinnen vorbehalten. Jahrtausende lang daran gearbeitet Göttinnen aus der Kultur hinaus zu argumentieren, zu verheiraten, zu verdrängen, zu verschleiern. 

Ich denke an Wittgenstein, und seine Kritik an den sprachliche Konfusion schaffenden Philosophen: sie starren die Begriffe an, bis die Sprache anfängt zu "feiern", und dann meinen sie, "das Benennen sei quasi eine Taufe eines Gegenstandes". Und dann tanzen sie, die Nymphen, Musen und Sirenen. Doch das Zeigen steht dem Sprechen gleichberechtigt gegenüber, und so zeigt sich das Weiblich-Göttliche in der Verschleierung. Etwas scheint immer durch.

"Ja, meine Arbeit", notiert Wittgenstein in einemTagebuch, "hat sich ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt." Ich kenne das Problem.

Das Kraut der Artemis

Die Mittagshitze trägt den aromatischen Duft der Artemisien zu mir ins Haus. Draußen in den Beeten wuchern unterschiedliche Arten neben- und durcheinander, die meisten schon im Mai frauhoch. So groß ihre Bedeutung als Heil- und Ritualkräuter in der Vergangenheit war, so bedeutungslos scheinen sie heute, denn für den kommerziellen Geschmack sind Artemisien zu unscheinbar, — und zu bitter. Man kennt Wermut (Artemisia absinthium) und Estragon (Artemisia dracunculus), vielleicht auch Beifuss (Artemisia vulgaris) — sie sind die heute bekanntesten Vertreter der botanischen Gattung Artemisia, die über 300 Arten weltweit umfasst. Ihre Farbenvielfalt ist außergewöhnlich: Von zartem Silbergrau, fast metallisch anmutendem Graugrün, Giftgrün bis zu dunklem Saftgrün reichen die Variationen. Man findet Artemisien in den brennenden Sandwüsten von Afrikas, so gut wie im rauhen Sibirien, und gerade dort gibt es viele Arten. Artemisien wachsen in Mexiko über Nordamerika bis Alaska, sie gedeihen in der Nähe des Äquators, aber auch in Grönland, Labrador und Kamtschatka. Artemisien wachsen an den Ufern der Weltmeere aller Zonen, und sie steigen hinauf bis zu dem ewigen Schnee der Berge. 

Gemyne ðu, mucgwyrt, hwæt þu ameldodest,
hwæt þu renadest æt Regenmelde.
Una þu hattest, yldost wyrta.
ðu miht wið III and wið XXX,
þu miht wiþ attre and wið onflyge,
þu miht wiþ þam laþan ðe geond lond færð.

Erinnere dich, Beifuss, was du verkündet hast,
was du bekräftigt hast bei der grossen Versammlung.
Una heisst du, ältestes Kraut.
Du hast Macht für 3 und gegen 30,
du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung,
du hast Macht gegen das Übel, das über Land fährt.
— Lacnunga Codex, British Library Harley 585, 11. Jahrhundert

Besonders gern wuchern sie an Straßen und Wegesrändern, wo sie oft ein unbeachtetes Schattendasein führen. Als Pionierpflanze an Wegrändern, auf Brachen und Schuttplätzen, oder neben den Feldern mit genmanipuliertem Mais wachen Artemisien, ein lästiges Unkraut, das in der Landwirtschaft bekämpft wird. Hat sie,  Una, einst die Erste, die Wirkungsvollste, die Mächtigste, noch die Macht gegen die Übel, die über das Land fahren? 

Walahfrid Strabo, der Abt des Klosters Reichenau, nennt sie im 9. Jahrhundert die "Mutter aller Kräuter“. Vertreterinnen der Gattung Artemisia wurden im alten China und in Ägypten, in Persien, dem antiken Griechenland und dem römischen Reich, bis hin zu den indianischen Kulturen Amerikas als wichtige Kräuter geschätzt, und das über lange Zeiten — in den Höhlen von Lascaux wurden rund 17000 Jahre alte Reste dieser Pflanzen gefunden. Artemisia ist das Kraut der Göttinnen, der römischen Diana, der ägyptischen Isis und besonders der griechischen Göttin Artemis, auf die der botanische Gattungsname "Artemisia" zurückgeht. Artemis, die Schöne, war die bedeutendste Göttin der Antike, ihr Tempel in Ephesus gehörte zu den sieben Weltwundern. Sie war, wie auch Isis, eine Göttin des Lichts, insbesondere des Mondlichts, Beschützerin der wilden Natur und besonders der Frauen. Sie half bei Geburten, brachte aber auch den Tod. 

Sie ist es, die dem Kentauren Cheiron, dem angeblichen Begründer von Chirurgie und Arzneikunde, die heilenden Artemisien übergibt, sie ist es, die ihn ursprünglich unterrichtet. Die mythischen Erzählungen verschleiern ebensoviel wie sie überliefern, aber mit etwas Logik lassen sich Stücke ursprünglicher Verhältnisse entschlüsseln. Das griechische Wort artemisia bedeutet "Unversehrtheit": Ein Hinweis auf die Jungfräulichkeit der Göttin, die in ihrer Macht nicht durch Heirat beschränkt ist, aber auch auf die Wirkung des Heilkrautes. Es regelt die Fruchtbarkeit, hilft bei Menstruationsbeschwerden und unterstützt Frauen mit seiner abortiven Wirkung bei ungewollter Schwangerschaft.  Doch auch bei ungewollter Kinderlosigkeit werden Artemisien angewendet. Heilkundige schätzen es als Mittel gegen Angst- und Schwächezustände, Depression oder Schlafstörungen. 

Artemis übergibt Cheiron 2 Arten von Artemisien. Bodleian Library, Oxford, MS. Ashmole 1462, Folio 23r, spätes 12. Jahrhundert

Artemis übergibt Cheiron 2 Arten von Artemisien. Bodleian Library, Oxford, MS. Ashmole 1462, Folio 23r, spätes 12. Jahrhundert

Die Göttin Artemis ist auch das beinahe vergessene Gegenüber ihres Zwillingsbruders Apollo, verdrängt durch das männlich selbstverliebte Gegensatzpaar apollinisch/dionysisch, das vor allem Nietzsche populär gemacht hat. Schöpferische Entwicklung entsteht in diesem Denken im Spannungsfeld von Apollo als Garant von Form und Ordnung und Dionysos als rauschhaftem Grenzüberschreiter. Exzess der Askese oder Exzess des Rausches, die Ernüchterung folgt beiden, die kalte harte Realität der Kopfschmerzen. Die weibliche Seite wird enteignet, verschwiegen und de facto aus dem Kulturschaffen ausgeschlossen. Selbst aus der Mythologie wird sie so weit wie möglich entfernt oder marginalisiert. Übrig bleiben Bilder von arglistigen, zänkischen oder hysterischen Frauen, die mann nicht ernst zu nehmen braucht. Nicht so Artemis, sie lässt sich nicht unterkriegen, sie bleibt unverheiratet, selbständig und bewaffnet, ihre Pflanzen sind bitter und heilsam. 

Die Bitterkeit, die uns im Alltag befällt, ist im Kraut der Göttin nur wohltuend. Bitterstoffe erinnern die Zellen an den Zustand der ursprünglichen Wildheit. Der ganze Körper wird wieder wach, lebendig, widerstandsfähig, fröhlich. Artemis-Diana, die Hüterin der Wildnis, beschützt die Wesen, die ihre eigene Wildheit leben. Wer sich entschließt, die Unterdrückung zu beenden und innere Freiheit wachsen zu lassen, ist auf dem Weg der Artemis-Diana.
— Luisa Francia

In Asien werden Artemisien nach wie vor hoch geschätzt. Die Anzahl der vorgeschlagenen Anwendungen ist überraschend breit gefächert: Fusswickel für müde Füße und zur Entgiftung, Augenmasken zur Entspannung und Straffung, Umschläge für den Rücken, Fuss-, Dampf- oder Sitzbäder bei Menstruationsbeschwerden oder Unfruchtbarkeit, Slipeinlagen, Cremen, Seifen und Gesichtsmasken, zum Räuchern und zur Moxibustion, dazu Tees und die ganz alltägliche Verwendung in der Küche als Gewürz und Gemüse. In der traditionellen Medizin finden sich neben den Hinweisen auf die Wirksamkeit gegen Wurmbefall und Verdauungsbeschwerden auch Rezepte mit Artemisien gegen Malaria und Krebs. Diesen Hinweisen geht nun auch die Schulmedizin vermehrt nach und Artemisien werden für die Medizin aufs Neue interessant. Im Jahr 2015 ging der Nobelpreis für Medizin an die chinesische Pharmakologin Youyou Tu, deren Arbeit von einer Heilpflanze der traditionellen chinesischen Medizin inspiriert wurde: Aus Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß, gewann sie die Substanz Artemisinin, die gegen Malaria wirksam ist.

Woher kommst du? Wohin gehst du? Kennst du den Weg? Was vorher war wird nachher sein. Wie eine Hand voll Wasser, die wir aus einer Schale schöpfen und wieder zurückfließen lassen: Es ist jedes Mal eine Hand voll Wasser, doch keine ist identisch mit der zuvor. Das Ende führt uns zurück an den Anfang und Artemisien begleiten uns. Sie sind Reisekräuter, sie unterstützen die Reisenden auf langen Fussmärschen, sie helfen beim Übertreten der Schwellen des Lebens bei Geburt und Tod, und sie unterstützen  die magisch Reisende. Sie vermitteln zwischen den Welten, machen die Grenzen der Welten durchlässig. Artemis, Una, die Bärin, ist die Hüterin der Schwelle. Die Schamanen Sibiriens und Nordamerikas räuchern mit Artemisien ebenso wie es die antiken Priesterinnen der Artemis taten, um sich zu reinigen, Dämonen zu vertreiben und sich mit Ahnen oder Geistern zu verbinden. Im Europa des Mittelalters und der Renaissance machte die Kirche Artemisien zu giftigen Hexenkräutern. Selbstbestimmte Weiblichkeit war in keiner Weise erwünscht, selbst die Erinnerung daran ging in den Flammen der Hexenverfolgungen auf. Es ist umstritten, ob Artemisien eine psychoaktive, also berauschende, Wirkung hat, viele Menschen spüren keinerlei Effekt. Als simple Rauschdroge sind Artemisien nicht geeignet. Bei manchen Menschen wirkt der Rauch der Artemisien subtil wahrnehmungs- und bewusstseinsverändernd, auch als Traumkraut das die Intensität der Träume und das Erinnerungsvermögen steigert.  

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Eben diese subtilen Wirkungen wussten auch viele Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schätzen, die sich vom aus Artemisien hergestellten, sagenumwobenen Absinth inspirieren ließen. Artemis im grünen Kleid, die grüne Fee huscht zur "Grünen Stunde" durch die Cafés und Gärten der Jahrhundertwende. Zu den bekanntesten Absinth-Liebhabern zählen Vincent van Gogh, Henri de Toulouse-Lautrec, Edouard ­Manet, Edgar Degas, Pablo Picasso oder Oscar Wilde. Charles Baudelaire trank ­damit gegen seine Schreibhemmungen an. Doch die grüne Fee kam bald in Verruf, bei Dauerkonsum, dem Absinthismus durch das enthaltene Thujon zu irreparablen Schäden des Körpers und des Zentralnervensystems zu führen. Inzwischen ist diese Theorie längst widerlegt: Die im Absinth enthaltene Thujonmenge reicht nicht aus, um toxisch zu wirken. Der wesentliche Faktor für die beschriebenen negativen Auswirkungen war der im Absinth enthaltene minderwertige Industriealkohol in Verbindung mit zweifelhaften Färbemethoden um das berühmte Absinthgrün zu erhalten. Das so gefürchtete Krankheitsbild des Absinthismus beschrieb oft nicht viel mehr als schweren Alkoholismus. Schließlich wurde der Konsum von Absinth wegen seiner angeblich schädlichen Wirkungen verboten. Die Kampagnen zum Verbot des Absinth zeigen genüsslich den Mord an der grünen Fee, der einstigen großen Göttin.  

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Paradies, Fegfeuer, Sündenablass – die Verehrerinnen der Artemis-Diana konnten darüber nur lachen. Du bist Teil der Natur, Teil von allem und damit ohnehin unsterblich, ist die Botschaft der Göttin. Du lebst, dein Körper zerfällt, deine Energie sucht sich neue Orte. Deine Asche befruchtet Pflanzen, in denen du lebst, dein toter Körper wird von Tieren und Pflanzen zerteilt, aufgenommen und neu gestaltet. Artemis-Diana gibt keine Versprechen für ein Leben jenseits der Körperlichkeit. Ihre Botschaft ist: Beobachte die Wildnis. Sie setzt sich überall durch. Wenn der Mensch verschwindet, dauert es keine zweihundert Jahre, bis keine Spur mehr von Menschen zu sehen ist. Befreunde Dich mit der Wildnis und du lernst etwas über Geborgenheit, Wachstum und Tod. Beobachte die Wildnis, auch die Wildnis in dir selbst, und du lernst etwas über Freiheit und überschwängliche Lebenslust. Hör auf die Botschaft der Göttin: Lass dich nicht niederringen. Steh für deine Interessen auf und wehre dich. Lass die wilde Kraft aufsteigen, die in der Artemisia mit all den Bitterstoffen enthalten ist. Der Bogen, den Diana trägt, gilt nicht der Jagd. Nicht die wilden Tiere jagd sie, sondern die Unterdrücker, die Gewalttäter, die Zerstörer der Natur. Wer sich mit Artemis-Diana verbündet, verbündet sich mit der Natur und lässt nicht zu, dass die eigene wilde Kraft, die Natur in uns, zerstört wird.
— Luisa Francia

New York, New York

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Angekommen: Farben und Papier sind ausgepackt, ein paar Musterwalzen habe ich auch im Gepäck. Die Skyline ist Oxidrot und Grau. Der Plan für die kommenden 2 Monate ist Malen, Galerien und Museen erkunden, Malen, von Uptown nach Downtown und wieder zurück, Malen,…

Unterwegs

Wien + Venezia + Milano + Nice + Marseille + Montpellier + Barcelona + Lorca + Aguilas

Even in November...

#ateliergartenatelier, #artemisiaGARTEN

Die letzte Strophe meines liebsten Gedichts von Robert Graves wacht über den Gemüsegarten.

All saints revile her, and all sober men
Ruled by the God Apollo’s golden mean—
In scorn of which I sailed to find her
In distant regions likeliest to hold her
Whom I desired above all things to know,
Sister of the mirage and echo.
It was a virtue not to stay
To go my headstrong and heroic way
Seeking her out at the volcano’s head
Among pack ice, or where the track had faded
Beyond the cavern of the seven sleepers
Whose broad high brow was white as any leper’s
Whose eyes were blue, with rowan-berry lips
With hair curled honey-coloured to white hips.
Green sap of Spring in the young wood a-stir
Will celebrate the Mountain Mother
And every song-bird shout awhile for her
But I am gifted, even in November
Rawest of seasons, with so huge a sense
Of her nakedly worn magnificence
I forget cruelty and past betrayal
Careless of where the next bright bolt may fall.
— Robert Ranke

Oktober

#ateliergartenatelier, #artemisiaGARTEN

26. Oktober 2018

Kaum sind die letzten Reste des artemisiaGARTENs vom Tullner Pflaster gefegt wachsen sie weiter. Die Artemisien sind in den Garten in Elsbach zurückgekehrt, um dem Winter entgegen zu wuchern. Sie geben dem Garten “Ohne Titel”, namenlos und schwebend, nun Namen, Titel und Thema: artemisiaGARTEN.

Ende September

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

Ist man vielleicht wirklich mit der Erde durch Wurzeln verbunden? Nicht für immer auf der Erde, nur eine Weile hier.
— Nezahualcóyotl

Beginn, und Ende

Den Herbst 2011 verbrachte ich in Taos, New Mexico, auf den Spuren von Agnes Martin und Georgia O'Keeffe. Eine magische Zeit: Die Wüste dicht bewachsen mit Artemisia tridentata, ein kleines Adobe Atelier mit Blick auf den Taos Mountain, vor meinem Haus macht es sich ein Bär gemütlich. Bücher aus dem thriftshop, Botschaften früherer Besucher. In einem dieser Bücher lese ich einen Aufsatz von Christine Downing über Artemis, die Wilde, der mich zutiefst berührt. Vor meiner Abreise reisse ich die Seiten aus dem Buch um sie mitzunehmen, den Titel des Buches habe ich vergessen. Der Text erweist sich als prophetisch und bleibt wichtig.

Vielleicht bin ich ihr schon vorher begegnet, vielleicht war sie schon lange da, im Hintergrund, dort woher das "Nein“ kommt. Vielleicht begleitet sie mich schon lang. 

Nichts wird in den kommenden Jahren bleiben wie es war, alles in Frage stehen. Ich verliere vieles, das mir so wichtig war. Immer noch etwas kann man beenden, noch etwas ist zu viel. Zurück bleibt ein Gerüst. Ich bei mir. Ist schon alles weg? Wer weiß. Da ist noch viel mehr, das abfallen kann. Die Vergangenheit, Wünsche, Vorstellungen, Träume, Pläne.

Noch weiß ich nicht, welcher Verlust noch bevorsteht. Anita wird krank, schwindet, stirbt. Unsere letzte gemeinsame Arbeit ist inspiriert von Artemis.

She Who Slays, she who comes from afar, she who is other.
— Christine Downing

11. September 2018

Die letzten Fotos vor dem Abbau, die Wildnis kann nicht bleiben. Die Arbeit am artemisiaGARTEN hat mich durch die Sommerhitze begleitet, noch eine letzte Verbindung zu Anita. Ein wuchernder, blühender Abschied.

7. September 2018

Ein wenig Regen und der Garten grünt wieder, blüht weiter. Fotos und Malerei überblenden sich, wachsen gemeinsam.