Die Pflanzen: Artemisia

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

Mein Garten/Atelier ist voll mit Artemisien. Ein großer Strauß steht nun vor mir am Arbeitstisch. Der aromatische Geruch, die Bitterkeit, ihr Sonnenhunger, die grazile Form der Blätter, die Farbigkeit, - die Kraft, die von den Pflanzen ausgeht: Ich liebe Artemisien. Ich will sie um mich haben, mit ihnen leben, sie kennenlernen. Jede einzelne dieser Pflanzen hat eine eigene Persönlichkeit und auch eine ganz eigene (Kultur-) Geschichte. Wo immer ich hinfahre forsche ich nach ihnen, manchmal kann ich sogar neue Arten mit heim bringen. Mit meiner Sammelleidenschaft bin ich europaweit recht allein, nur einen weiteren Sammler konnte ich bisher finden.  

 Artemisia annua, August 2017

Artemisia annua, August 2017

Artemisia annua

Die einjährige Artemisia leuchtet satt hellgrün aus dem Garten, in dem sie sich seit ein paar Jahren selbständig versamt. Ihre fein gefiederten Blätter auf bis zu 2m hohen Pflanzen verweben sich mit Verbenen und Dahlien und sind eine echte Bereicherung. Doch darüber hinaus hat die Pflanze das Potenzial zu einer der bedeutendsten Heilpflanzen der Gegenwart zu werden, denn ihre Wirksamkeit gegen Malaria ist mittlerweile erwiesen. Für die Extraktion des Artemisinin erhielt die chinesische Pharmakologin Tu Youyou 2015 den Nobelpreis für Medizin. Vor allem in Afrika kann der Anbau von Artemisia annua tausende Menschenleben retten. 


 Artemisia argyi, Mai 2018

Artemisia argyi, Mai 2018

Artemisia argyi

Das blassblaue Samensäckchen schien fast leer als ich es aufmachte, so winzig sind die Samen. Eine einzige Pflanze ging schließlich auf, ängstlich gehütet und beobachtet. Es dauerte ein ganzes Jahr bis sie sich zu einer kraftvollen, reichlich Ausläufer treibenden Pflanze entwickelte. Ein paar Jahre später steht sie nun in üppigen, leicht bitter duftenden Horsten im Garten. Sie treibt sehr früh aus und meist kann ich schon im März die ersten Blätter für frischen Tee, Suppen, Quiche oder Frühlingssalate ernten. Artemisia argyi ist nicht so bitter wie Artemisia absinthium oder Artemisia vulgaris und eignet sich am besten zum Verzehr.

 Artemisia argyi und Kalmus werden für das Drachenbootfest vorbereitet

Artemisia argyi und Kalmus werden für das Drachenbootfest vorbereitet

Ursprünglich stammt sie aus China, Japan und dem südöstlichen Rußland. Dort ist sie nichts Besonderes und wächst an Böschungen und Straßenrändern, auf Schuttplätzen und in den Steppen. Die botanische Erstbeschreibung erfolgte durch zwei französische Geistliche und Botaniker, Augustin Abel Hector Léveillé (1863-1918) und Eugène Vaniot (1846-1913), die an den vielen tausend Pflanzenexemplaren forschten, die von Sammlern aus Fernost verschickt wurden. Aus diesen Lieferungen konnten sie etwa 2000 (für Europa) neue Arten ermitteln.

In China wird Artemisia argyi als Heilpflanze, aber auch in der Küche genutzt. Besonders wichtig ist die Pflanze zur Zeit des Drachenbootfestes, das am 5. Tag des 5. Mondmonats stattfindet, also ungefähr zur Sommersonnenwende am 21. Juni. Um Ungeziefer und schädliche Geister fernzuhalten werden große Büschel von Artemisien an Fenster und Türen gehängt oder als Duftbeutel verschenkt. An diese Tradition knüpfe ich im Sommer an, wenn ich die Artemisia argyi bis fast auf den Boden zurückschneide um die Blätter zu trocknen. In große Kissenbezüge gefüllt begleitet mich ihr Duft den Rest des Jahres.


 Artemisia lactiflora, August 2017

Artemisia lactiflora, August 2017

Artemisia lactiflora 'Weisse Dame'

Sie wird auch Elfenraute genannt, so zart leuchten die milchig-weißen Blütenwolken im Dämmerlicht vor dem dunklem Hintergrund des Gehölzrandes - und vor meiner Terrasse. Auch sie kommt aus China, doch unterscheidet sie sich in vielerlei Hinsicht völlig von anderen Artemsisien. Sie liebt feuchte, nährstoffreiche Standorte und verträgt auch Halbschatten. Der wohl größte Unterschied sind ihr herb-frisch duftenden Blüten, die an warmen Sommerabenden den Garten verzaubern. Die 'Weisse Dame' ist eine besondere Auslese von Ernst Pagels, einem der erfolgreichsten Staudenzüchter Deutschlands. Sie blüht besonders reich und unentwegt von Juli bis September. Die langen, fragilen Blütenrispen verzweigen sich locker, sie erscheinen weiß, wobei die Einzelblüten, bedeckt durch eine weiße Hülle, lila-purpurrot sind. 


 Artemisia vulgaris, Mai 2018

Artemisia vulgaris, Mai 2018

Artemisia vulgaris

Die Versuchsbeete im Botanischen Garten der Universität Wien waren umrahmt von dieser Artemisia, die leicht mehr als 2 Meter hoch wird. Sie hat ungewöhnlich wollige Stengel, vielleicht eine neue Art? Vor meiner Terrasse ist sie ein wunderbarer sommerlicher Begleiter, Sichtschutz und Duftpflanze gleichzeitig.


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Artemisia vulgaris var. gilvescens

Hohe Horste mit sattgraugrünen, breiten Blättern und einer silbrigen Unterseite, eindrucksvoll wie diese Artemisia im Garten steht. Im Hochsommer lässt sie alle anderen im Beet verschwinden, und das ist gut so. Sie kommt aus dem Osten Sibiriens, auch am Yang Tse und der Manschurei findet man sie. Ihr Duft lässt sich kaum beschreiben, vielleicht als exzentrisch herb-aromatisch? In jedem Fall passt sie hervorragend in meine getrockneten Räucherbündel. 


 Artemisia vulgaris var. ligusticus, Mai 2018

Artemisia vulgaris var. ligusticus, Mai 2018

Artemisia vulgaris var. ligusticus

Sie wird nur einen Meter hoch, neben den hohen Arten könnte sie fast zurückstehen, doch dafür sie breitet sich ungewöhnlich rasch aus. Innerhalb eines Jahres hat eine Pflanze gut 3 Quadratmeter besiedelt, vielleicht sollte mir das Sorgen machen...? In ihrer Heimat ist die Artemisia ligusticus ein beliebtes Gewürz für Pastasaucen, Fisch und Fleisch, ein wenig riecht sie auch nach Thymian. Im Lauf des Sommers werden ihre Blätter immer dunkler, eine perfekte Ergänzung zu ihren silbrigen Schwestern.


 Artemisia vulgaris 'Oriental Limelight', Mai 2018

Artemisia vulgaris 'Oriental Limelight', Mai 2018

Artemisia vulgaris 'Oriental Limelight'/'Janlim'

Eigentlich sind panaschierte Sorten nicht so mein Ding, 'Oriental Limelight' ist eine Ausnahme. Über Jahre behält sie schon ihre hellen Einsprengsel, wird immer breiter und fühlt sich sichtbar wohl. 


Das unbezähmbare Wuchern

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

..., dass Unkraut, Verfall, Tod und Scheitern Teil meiner Methode des Gärtnerns seien...
— Henk Gerritsen

7. Juli 2018

Der Garten scheint am Höhepunkt. Peak Garden. Hochsommer. Noch blühen nicht alle Dahlien, aber an manchen Stellen verfärben sich die ersten Blätter und vertrocknen. Ein kurzer Moment am Gipfel. Die Tomaten reifen, die Samenstände der Roten Melde verbraunen. Die neuen Farben sind willkommen. Weshalb soll ich versuchen den Verfall zu verschleiern? Verblühte Dahlien abschneiden, trockene Blätter entfernen? Dem Garten jetzt seine Wildheit nehmen? 

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Artemis – The Goddess Who Comes from Afar

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

Den Herbst 2011 verbrachte ich in Taos, New Mexico, auf den Spuren von Agnes Martin und Georgia O'Keeffe. Eine magische Zeit: Die Wüste dicht bewachsen mit Artemisia tridentata, ein kleines Adobe Atelier mit Blick auf den Taos Mountain, vor meinem Haus macht es sich ein Bär gemütlich. Bücher aus dem thriftshop, wie eine Botschaft früherer Besucher. In einem dieser Bücher lese ich einen Aufsatz, der mich zutiefst berührt. Vor meiner Abreise reisse ich die Seiten aus dem Buch um sie mitzunehmen, den Titel des Buches habe ich vergessen. Christine Downings Text erweist sich als prophetisch und bleibt wichtig, stellt mich Artemis vor. 

Vielleicht bin ich ihr schon vorher begegnet, vielleicht war sie schon lange da, im Hintergrund, dort woher das "Nein“ kommt. Vielleicht führt sie mich schon lang, meine Reisen nach New Mexico hat sie immer begleitet. Ich habe ein Bild von ihr. Artemis, die Wilde. Die weiße Göttin, strahlend, vielleicht nur ein Nebel. 

Nichts wird in den kommenden Jahren bleiben wie es war, alles in Frage stehen. Ich verliere vieles, das mir so wichtig war. Ich fühle mich zerstückelt, ganze Stücke meines Lebens reiße ich mir selbst heraus, fühle die klaffenden Lücken. Immer noch etwas kann man beenden, noch etwas ist zu viel. Zurück bleibt ein Skelett, ein Gerüst. Ich bei mir. Ist schon alles weg? Wer weiß. Da ist noch viel mehr, das abfallen kann. Die Vergangenheit, Wünsche, Vorstellungen, Träume, Pläne. Noch weiß ich nicht, welcher Verlust noch bevorsteht. Anita wird krank, (ver)schwindet, stirbt. Unsere letzte gemeinsame Arbeit ist inspiriert von Artemis: "She Who Slays, she who comes from afar, she who is other."

 Taos, New Mexico, 2011

Taos, New Mexico, 2011


Christine Downing

I have learned about myth from myth – from the discovery of what it means to live a myth. I have learned my way of attending to myth as I went along. ... I have learned that recognition of the archetypal and universal dimensions of one’s experiences can help free one from a purely personal relation to them. I also believe that one can celebrate the mythic patternings without losing an appreciation oft he concrete and unique moments that constitute one’s existence. This is what Freud meant by transference – knowing that one is Sigmund Freud and Oedipus, that I am Christine Downing and Persephone. Either description alone is insufficient. Recognition of the many goddesses that inform one’s life also helps protect one against inflationary identifications and against the sense of being swallowed up by some fatally determining mythic pattern. The goddesses also seem to find ways of reminding us that they are indeed numinous forces, never reducible to our attempts at psychological interpretation. ...

We need images and myths through which we can see who we are and what we might become. As our dreams make evident, the psyche’s own language is that of image, and not idea. The psyche needs images to nurture ist own growth; for images provide a knowledge that we can interiorize rather than "apply,“ can take to that place in ourselves where there is water and where reeds and grasses grow. Irene Claremont de Castillejo speaks of discovering the inadequacy of all theories about the female psyche, including the Jungian framework into which she had for so long tried to fit her own experience and that of her female patients. For now, she suggests, we need simply to attend lovingly and precisely tot he images spontaneously brought forward in our dreams and fantasies.(1)

For me the quest fort he goddess began with a dream:

... In the dream I find myself in a state of confusion and despair. I decide to drive into the desert alone, hoping there to rediscover the still center I have lost. I drive far into the night on unfamiliar and seemingly rarely traveled byways. Then, in what feels like the middle of nowhere, a tire goes flat and I remember I have no spare. It seems unlikely that anyone would come by soon to offer help, but far in the distance I see a light which might mean someone available to assist me o rat least a telephone. I set out toward it and walk and walk. It is some time before I realize the light is no closer and that I am no longer sure it is there at all. I turn around, thinking it might be better after all to wait by my car; but it has disappeared, as has the road.

At that point a figure appears from behind a sagebrush in the strangely moonlit desert night, the figure of a wizened but kindly appearing old man. "Can I help?“ he asks. "No,“ I say. "You and I have been through this before. This time I need to go in search of Her.“

So I set out across the desert, seeming now to know in what direction to proceed, though there are no marked ways and I know I had never been there before. Hours later I find myself at the foot of some steeply rising sandstone cliffs. I make my way up to the cliffs, heading straight for a deep small cave just large enough form and to lie down. Still seeming to know exactly what I must do, I prepare myself to sleep there, as though to fall asleep were part of my way toward Her.

While I sleep there in the cave I dream that within the cave I find a narrow hole leading into an underground passage. I make my way through that channel deep, deep into another cave well beneath the earth’s surface. I sit down on the rough uneven floor, knowing myself to be in her presence. Yet, though She is palpably there, I cannot discern her shape. Though I wait and wait, expecting to be able to see Her once my eyes grow accustomed to the darkness, that does not happen. ...

 Taos Mountain, New Mexico, 2011

Taos Mountain, New Mexico, 2011

I returned to waking consciouness, aware that, though I did not know who She was, it was indeed time form e to go in search of her.

I sensed that the pull to Her was a pull to an ancient source. "In the beginning, people prayed tot he Creatress of Life, the Mistress of Heaven. At the very dawn of religion, God was a woman. Do you remember?“ (2) To remember is to be remembered, to have our own lives made whole and our connections with others healed. ...

I soon discovered that my search was not mine alone, that in recent years many women have rediscovered how much we need the goddess in a culture that tears us from woman, from women, and from ourselves. (3) To be fed only male images of the divine is to be badly malnourished. We are starved for images that recognize the sacredness oft he feminine and the complexity, richness, and nurturing power of female energy. We hunger for images of human creativity and love inspired by the capacity of female bodies to give birth and nourish, for images of how humankind participates in the natural world suggested by reflection on the correspondences between menstrual rhythms and the moon’s waxing and waning. We seek images that affirm that the love women receive from women, from mother, sister, daughter, lover, friend, reaches as deep and is as trustworthy, necessary, and sustaining as is the love symbolized by father, brother, son, or husband. We long for images that name as authentically feminine courage, creativity, loyality, and self-confidence, resilence and steadfastness, capacity for clear insight, inclination for solitude, and the intensity of passion. We need images; we also need myths – for myths make concrete and particularize; they give us situations, plots, relationships. We need the goddess and we need the goddesses. ...

Artemis is for me the most mysterious oft he Greek goddesses.

None of us ever sees Her in the dark

or understands Her cruel mysteries.
— Euripides (4)

So speaks Iphigenia after years of devotion to Artemis. Even Hippolytus, who prides himself as alone among mortals having the privilege of conversing with her, confesses, „True I may only hear. I may not see God face to face." (5) For one like myself who has fought to evade such devotion, it cannot help but be even more true. Artemis claims me now, calls me to her cruel mysteries with a power I can no longer withstand. The other goddesses who have presented themselves to me seemed to come forward out oft he past, out of my childhood and youth and the early years of my marriage, or like Gaia as a reminder of some even more remote, prepersonal, transhuman past. They helped me to re-member who I have been and am; whereas Artemis seems to beckon from the future, to call me toward who I am now to become. ...

I understand the turning toward Artemis as a ritual observance, this time of my forty-ninth birthday. Endings and beginnings have always been important to me, perhaps naturally so for someone born at just that moment in the astrological calendar (on the cusp between Pisces and Aries) when one year ends that another may begin. Every birthday invites celebration, but this one has for several years loomed as singularly significant. Seven times seven suggests a completion and a turning around, a birth into the rest of my life. I had looked to this birth as an easy one, like the ("only symbolic“) rebirth of a snake shedding ist skin or the emergence of a butterfly from ist chrysalis. I had imagined it as a sloughing off of what was worn out and used up, so that what was viable and vital might emerge less fettered. Perhaps I had forgotten it would have tob e a human birth, a birth into the human. Or perhaps I had expected the birth tob e assisted by gentle Eileithyia rather than by Artemis. Though Artemis is a skillful and compassionate midwife, in her realm childbirth is painful and difficult and always accompanied by the threat of death. (The priestess of Artemis inherited the clothes of those who died in childbirth.) The first labor she attended (her mother’s delivery of Artemis’s own twin brother, Apollo) took nine desperately agonizing days (though her own birth had been without travail). I (whose literal birth-ings were all so easy) am now discovering what it is to be engaged in a giving birth that one resists, twists away from in pain, despairs of being done with. ...

I had thought at first I could easily name what was being born. A few months before my birthday an annual checkup suggested I might have cancer of the uterus. "So, it is my death I am to give birth to,“ I thought. "Perhaps the reason I have for so long looked forward to this birthday is that somewhere deep inside me something knew it was tob e the last.“ That very literal threat was proven illusory before it led me to call on Artemis whose arrows bring a swift and gentle death to women. Then a love affair which I had felt from ist beginning was in some way a last time around seemed tob e coming to an end. "So that’s what it is,“ I mused; "I am going to be abandoned into an evaded solitude for which I have always known myself tob e destined.“ ...

I did not consciously think of Artemis, "the mercurial queen of solitude,“ during the interval before I realized that in my love affair it was a time for changes, not for endings. Again, I felt both relieved and cheated. What was  going to happen? For a time it seemed that a job I knew I would not stay with much longer might come to an end earlier than I would have chosen; for a time my former husband and I considered remarriage. Both possibilities would have represented genuinely significant transitions, but I knew even before they dissolved that neither was what this birthday was really "about“. It was not so much that these were too passive. The transition I anticipated would not happen until I turned around to confront „Her.“ This huntress insists on being hunted; she will never overtake. It is just that which makes it so difficult. I have to give birth – or struggle to be born; neither giving birth nor coming to birth are things that happen to one.

I understood that when I discovered that the most adequate name for this particular liminal space is simply: Artemis. The name does not eliminate the mystery: it honors it with an appellation that suggests ist complexity and depth.

I must admit some puzzlement and even resentment at the youth of this goddess who stands so powerfully before me now. "What does she know?“ I want to ask. Though I could have accepted the appearance of some divine child (for after all the child is symbol of all new beginnings), the archetypal image I really expected at this point in my life was that oft he wise old woman. Finding myself under Artemis’s tutelage at first made me feel somewhat embarrassed to be learning at fifty what others learn young. Like Slater and Pomeroy I saw the youth and virginity oft he classic version of some oft he goddesses only in negative terms; I believed it expressed male fear of mature femininity. (6) I now see that because Artemis has been the youthful virgin forever, she is, in her own paradoxical way, herself a wise old woman. I realize how truly timely it ist o be pulled to doing therapy now (in the full ancient sense of therapeia) with this ancient huntress who surely and fearlessly follows any scent and who trusts us to learn to do the same. My familiar evasive games lose their efficacy in her wilderness; she will not be seduced into a relationship nor diverted by my storytelling skill. This ever-evanescent goddess appears only to say: "Here you are alone, as you have said you were ready to be.“

As Walter Otto saw, manifold as Artemis’s manifestations may be, we discover their unity and thus apprehend her essence, when we know her as the goddess who comes from afar, whose realm ist he everdistant wilderness. To this primary remoteness he appropriately connects her virginity, her solitariness, and her strangely cruel solicitude. (7)

Though others have found Artemis more accessible, I have learned by now that I need to start with what is darkest, with what I like least but which cannot be eluded. ...

Born on unpeopled Delos, Artemis is really only at home in the wilderness, far from the haunts of men. A different logic, a different strength and wisdom, rules there. The romantic view of Arcadia as an idyllic pastoral realm inhabited by nymphs and shepherds does not do full justice tot he Arcadia of ancient mythology: a wild and dangerous, rude and barbarous land. Arcadia is an imaginal realm, set apart from the everyday world, where things are as they are in themselves, not as shaped and manipulated by humankind. Artemis represents the form of imagination most foreign to me – the one connected tot he psychological realm Jungians call sensation (as opposed to thinking, feeling, or intuition). There is nothing spiritual or sentimental or even sensual in Artemis’s response to the wild things in whose company she lives. She does not respond tot hem as vehicles of symbolic meaning nor on the basis ot their capacity to bring pleasure or displeasure. She knows each tree by ist bar kor leaf or fruit, each beast by ist foorprint or spoor, each bird by ist plumage or call or nest. Only such carefully attendant seeing allows one to know why the black poplar that bears no fruit should be Artemis’s bird while the night-preying owl is Athene’. The woods and fields belong to Artemis and her nymphs: each tree, laurel or myrrh, oak or ash, is truly recognized only when we know with which nymph(s) to associate it; each wild flower, each brook and strea, also evokes a particular sacred presence. Artemis’s imagination is concrete and specific, bespeaks a loving respect fort he unique essence of everything as it lives in ist natural state. It would be a wrong to mis-take her mode of perception for literalism: her response is animistic, anima-istic. Each creature – each plant, each wood, each river – is to her a Thou, not an it. Unlike Aphroditeshe never confuses this I-Thou relation with merging. To know Artemis is to understand what Buber means by "distance and relation.“ ... I have come to trust that the meaning of her remoteness will be transforme das I am willing to acknowledge it. So long as I deny that she is, indeed, "She Who Slays,“ I am still evading Artemis.

Artemis is the Lady oft he Wild Things, a title that encompasses much more than is acknowledged in the post-Homeric image of her as the shaft-showering huntress. (8) As Aeschylus reminds us, she is not only the hunter but protector of all that is wild and vulnerable:

Artemis the undefiled
is angered with pity
at the flying hounds of her father
eating the unborn young in the hare and the shivering mother.
She is sick at the eagles’ feasting.
Sing sorrow, sorrow: but good wins out in the end.
Lovely you are and kind
to the tender young of ravening lions.
For sucklings of all the savage
beasts that lurk in the lonely places you have sympathy.“
— Aeschylus (9)

Artemis represents the mystic, primitive identity of hunter and hunted. (10) There are indications thatthe worship of Artemis in Arcadia and Attica included an initiation ceremony for pre-pubescent girls in which the goddess, her worshipers, and the bear whose skin the maidens wore were "considered tob e as of one nature and called by the same name.“ (11) Artemis is intimately associated with the wild beasts oft he field, the animals oft he chase: the hare, the lion, the wolf, the wild boar, the bear, the deer. The earliest artistic representations show her holding one or another of these animals in her hands, often wearing the fruit of some wild tree on her head or with the branches of a wild fig tree above her. Artemis is herself the wilderness, the wild and untamed, and not simply ist mistress.

She is uncivilited nature in quite a different sense from Gaia. Gaia is there before gods or mortals; she repressents the ceaseless, irrepressible fecundity of nature. ... In the world of Artemis, as Nilsson puts it, what "interests man is not Nature in herself, but the Life of Nature in the measure in which it intervenes in human life and forms a necessary and obvious basis for it.“ (12) Although Artemis may originally have been an oriental goddess,may have come from the fringes oft he Greek world, in the classical period she is particularly identified with Arcadia, the wild, mountainous, forested center oft he Peloponnesus. This reinforces my discovery that though we may first know her as the other without, she is more truly the other within. ...

 Taos, New Mexico, 2011

Taos, New Mexico, 2011

Besides being goddess of the wild, Artemis is also known as she who consorts with women. I had at one time understood Artemis’s dramatic rejection of any male other than her brother (and perhaps a few brotherly companions like Herakles and Orion) as simply the obverse of her devotion to women. I had imagined that the most promising access to this most woman-identified oft he Greek goddesses would be by way of an exploration of her relation to the nymphs in whose company we so consistently find her. Indeed, Nilsson suggests she is essentially nymph epitomized, the nymph who rises to prominence from amidst the company of nymphs. (13)

Here was Artemis prodding me to look honestly at the role in my life of deep and passionate friendships with women. Even this Artemis threatened me, portended a judgement from which I flinched. I saw her as having wholeheartedly chosen the love that women share with women, an das disdaining someone like myself who cannot say that friendships with women are the only ones really needed, the only ones that truly nurture. Even the patriarchally determined classical versions oft he myths reveal Artemis as a woman who loves woman. (Perhaps the most compelling evidence ist o be found in the story of Zeus’s rape of Callisto, the most beautiful of Artemis’s nymphs, the one most dear to her. To win the nymph’s love Zeus disguises himself as Artemis; in that guise Callisto welcomes his embrace.) But to see the relationship between Artemis and her nymphs primarily in sexual terms is simplification and distortion. It transposes their relationship into an Aphroditic key and thus ignores the testimony oft he Homeric hymn to Aphrodite that alone among gods and mortals, Hestia, Athene, and Artemis are immune to Aphrodite’s power. Artemis does not say, „Choose women,“ but „Choose yourself.“ The meaning of her primary association with women ist hat in loving women we are loving our womanly self....

Fully to understand Artemis’s connection to women demands relating it to that virginity so essential to her nature. Even in her association with women Artemis points to a communion not identical with sexual union and possibly subverted by it. The deep bonding of woman to woman that Artemis encourages may, indeed, encompass passionate attraction, sensual delight, and sexual consummation. Yet she reminds us that the sexual may be surrogate for a more profound affirmation of one another and of our shared womanliness than we quite know how to express, an evasion of spiritual connection more fearful than the physical one. We mis-take Artemis’s chastity if we interpret it only as patriarchal culture’s attempt to suppress her lesbianism, her refusal of men and her love of women. Her chastity represents something more essential to her nature. It surely does not mean that she is not stirred by feminine beauty; it does not necessarily mean that she is not stirred by feminine beauty; it does not necessarily mean that she refuses sexual intimacy with women; it does mean that she never wholly gives herself to another, female or male. ... Artemis’s refusal to give herself bespeaks her respect, not her rejection, of the other; it is an expression not of frigidity but of passion. She gives herself to her own passion, her own wildness. Though invoked as the „frenzy-loving“ goddess, Artemis is not driven mad by her passion asare the maenads when they leave their husbands’ beds for their mountaintop orgies. Neither does she feel the need to find some appropriate sublimated expression for it, as might bright-eyed Athene, nor to transpose it immediately into the interpersonal erotic realm as would Aphrodite. Because Artemis is at home in the wilderness, she is comfortable with her own wildness. ...

Artemis is who she is with an ease and simplicity that indeed seems divine. She does not suffer self-doubt or inner division and has little patience with those of us who do. Thus she often appears as a harsh judge of women. ...

As I look at each aspect of Artemis in turn, again and again I discover She Who Slays, she who comes from afar, she who is other. Paradoxically, the reaffirmation of Artemis’s otherness has made me more aware than ever oft he power of Aphrodite in my life. How spontaneously, when confronting Artemis’s claims on me, I respond by pleading, "Let’s play Aphrodite instead.“ I have never been so aware of my tendency to devote my energies to love affairs rather than to soul, to discriminate on the basis of what I find pleasing or displeasing; how naturally I seek to transform all feelings into sexual passion, all potentially transformative experience into well-shaped story, and to make all my therapists, including Artemis herself, fall in love with me. That attending to Artemis should bring Aphrodite so prominently into view seems surprising, until I remember the story of Hippolytus and how it is his monolatrous devotion to Artemis that provokes Aphrodite’s disastrous intervention. It is as though exclusive attention to Artemis – which she painly demands – inevitably stirs Aphrodite. I understand better now how it can be that so many oft he oriental and Cretan goddesses – Cybele, Bendis, Astarte, Ariadne, to name a few – are associated with both Artemis and Aphrodite, as though they are so essentially complementary as to be one.

I have seemingly always known I am no monotheist. Yeti t is too simple to leave Artemis with that Affirmation – and denial. I know that she is still the goddess to whom I now must attend. Her wilderness may indeed be a liminal space, but it is precisely the character of such "betweens“ that while one is in them that is where one is, that is all there is. This is a time form e to turn away from that reliance on Aphrodits’s ways which have for so long sustained me. I must begin to learn what is meant by the phrase „monogamy of soul.“ The cruel mystery inherent in that phrase led me to this attempt to expose myself to Artemis’s mysteries. The birth into the rest of my life which she midwifes still feels incredibly painful. I still find it unspeakably difficult to join my voice with Iphigenia’s as she, from her funeral pyre, cries:

Dance!
Let us dance in honor of Artemis ...
O lift your voices
Lift them to Artemis
In honor of my fate
And of my dying.
— Euripides (14)
 Taos, New Mexico, 2011

Taos, New Mexico, 2011


(1) Irene Claremont de Castillejo: Knowing Woman. New York 1974:165ff

(2) Merlin Stone: When God Was a Woman. New York 1976:1

(3) See especially Carol P. Christ, „Why Women Need the Goddess“, in Womanspririt Rising, ed. Carol P. Christ and Judith Plaskow, New York 1979

(4) Euripides: Iphigenia in Tauris

(5) Euripides: Hippolytus

(6) See Philip E. Slater: The Glory of Hera. Boston 1968:12; Sarah B. Pomeroy: Goddesses, Whores, Wives, and Slaves. New York 1975:10

(7) Walter F. Otto: The Homeric Gods. Boston 1954:82

(8) Martin P. Nilsson: Greek Folk Religion. New York 1961:16

(9) Aeschylus: Agamemnon

(10) W.K.C. Guthrie: The Greeks and Their Gods. Boston 1955:100

(11) Lewis Richard Farnell: The Cults oft he Greek States. Chicago 1971/2:435f

(12) Martin P. Nilsson: Greek Folk Religion. New York 1961:49

(13) Ibid., 112

(14) Euripides, Iphigenia in Aulis

Grünkraft

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün.
— Hildegard von Bingen

30. Juni 2018

Samstag Mittag in Tulln: Mittagssirene, kurz darauf zeigt sich die Sonne. Ein paar Regentage haben den Dahlien gut getan, auch die 'Bishop of Llandaff' und die 'Kenora Macop B' setzen schon Blüten an. Wie kleine schwarze Windmühlenrädchen tanzen die Blüten der 'Verrone's Obsidian' über dem Garten, dazwischen flattern Bläulinge und Kohlweißlinge. Die Samenstände der Roten Melde leuchten im Mittagslicht. Sieht wild aus, oder?  

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21. Juni 2018

Noch liegt der Garten im Schatten, aber man spürt schon wie sich die grelle Sonnenhitze nähert und die Farben zum flirren bringt. Es explodiert, meinen die Gärtner, die nebenan die Geranien jäten, und sie haben recht. Die Konsumwelt rundum verschwindet hinter den Pflanzen. Zwischen den Beeten tauche ich in den Hauch von Artemisien und Paradeisern, die an den Rispen sich schon schwärzen.

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11. Juni 2018

Es ist kaum mehr möglich zwischen den Beeten durchzugehen, die Pflanzen nehmen jede Möglichkeit sich auszudehnen wahr und beanspruchen jeden noch freien Raum. Es wird nötig sie zu stützen, denn der Weg durch dieses Dickicht, der Moment, in dem man mitten in der Stadt im satten, aromatisch duftenden Grün verschwindet, das ist der wichtigste Aspekt der Arbeit. 

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Das Kraut der Artemis

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Die Mittagshitze trägt den aromatischen Duft der Artemisien zu mir ins Haus. Draußen in den Beeten wuchern unterschiedliche Arten neben- und durcheinander, die meisten schon im Mai frauhoch. So groß ihre Bedeutung als Heil- und Ritualkräuter in der Vergangenheit war, so bedeutungslos scheinen sie heute, denn für den kommerziellen Geschmack sind Artemisien zu unscheinbar, — und zu bitter. Man kennt Wermut (Artemisia absinthium) und Estragon Artemisia dracunculus), vielleicht auch Beifuss (Artemisia vulgaris) — sie sind die heute bekanntesten Vertreter der botanischen Gattung Artemisia, die über 300 Arten weltweit umfasst. Ihre Farbenvielfalt ist außergewöhnlich: Von zartem Silbergrau, fast metallisch anmutendem Graugrün, Giftgrün bis zu dunklem Saftgrün reichen die Variationen. Man findet Artemisien in den brennenden Sandwüsten von Afrikas, so gut wie im rauhen Sibirien, und gerade dort gibt es viele Arten. Artemisien wachsen in Mexiko über Nordamerika bis Alaska, sie gedeihen in der Nähe des Äquators, aber auch in Grönland, Labrador und Kamtschatka. Artemisien wachsen an den Ufern der Weltmeere aller Zonen, und sie steigen hinauf bis zu dem ewigen Schnee der Berge. 

Gemyne ðu, mucgwyrt, hwæt þu ameldodest,
hwæt þu renadest æt Regenmelde.
Una þu hattest, yldost wyrta.
ðu miht wið III and wið XXX,
þu miht wiþ attre and wið onflyge,
þu miht wiþ þam laþan ðe geond lond færð.

Erinnere dich, Beifuss, was du verkündet hast,
was du bekräftigt hast bei der grossen Versammlung.
Una heisst du, ältestes Kraut.
Du hast Macht für 3 und gegen 30,
du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung,
du hast Macht gegen das Übel, das über Land fährt.
— Lacnunga Codex, British Library Harley 585, 11. Jahrhundert

Besonders gern wuchern sie an Straßen und Wegesrändern, wo sie oft ein unbeachtetes Schattendasein führen. Als Pionierpflanze an Wegrändern, auf Brachen und Schuttplätzen, oder neben den Feldern mit genmanipuliertem Mais wachen Artemisien, ein lästiges Unkraut, das in der Landwirtschaft bekämpft wird. Hat sie,  Una, einst die Erste, die Wirkungsvollste, die Mächtigste, noch die Macht gegen die Übel, die über das Land fahren? 

Walahfrid Strabo, der Abt des Klosters Reichenau, nennt sie im 9. Jahrhundert die "Mutter aller Kräuter“. Vertreterinnen der Gattung Artemisia wurden im alten China und in Ägypten, in Persien, dem antiken Griechenland und dem römischen Reich, bis hin zu den indianischen Kulturen Amerikas als wichtige Kräuter geschätzt, und das über lange Zeiten — in den Höhlen von Lascaux wurden rund 17000 Jahre alte Reste dieser Pflanzen gefunden. Artemisia ist das Kraut der Göttinnen, der römischen Diana, der ägyptischen Isis und besonders der griechischen Göttin Artemis, auf die der botanische Gattungsname "Artemisia" zurückgeht. Artemis, die Schöne, war die bedeutendste Göttin der Antike, ihr Tempel in Ephesus gehörte zu den sieben Weltwundern. Sie war, wie auch Isis, eine Göttin des Lichts, insbesondere des Mondlichts, Beschützerin der wilden Natur und besonders der Frauen. Sie half bei Geburten, brachte aber auch den Tod. 

Sie ist es, die dem Kentauren Cheiron, dem angeblichen Begründer von Chirurgie und Arzneikunde, die heilenden Artemisien übergibt, sie ist es, die ihn ursprünglich unterrichtet. Die mythischen Erzählungen verschleiern ebensoviel wie sie überliefern, aber mit etwas Logik lassen sich Stücke ursprünglicher Verhältnisse entschlüsseln. Das griechische Wort artemisia bedeutet "Unversehrtheit": Ein Hinweis auf die Jungfräulichkeit der Göttin, die in ihrer Macht nicht durch Heirat beschränkt ist, aber auch auf die Wirkung des Heilkrautes. Es regelt die Fruchtbarkeit, hilft bei Menstruationsbeschwerden und unterstützt Frauen mit seiner abortiven Wirkung bei ungewollter Schwangerschaft.  Doch auch bei ungewollter Kinderlosigkeit werden Artemisien angewendet. Heilkundige schätzen es als Mittel gegen Angst- und Schwächezustände, Depression oder Schlafstörungen. 

 Artemis übergibt Cheiron 2 Arten von Artemisien. Bodleian Library, Oxford, MS. Ashmole 1462, Folio 23r, spätes 12. Jahrhundert

Artemis übergibt Cheiron 2 Arten von Artemisien. Bodleian Library, Oxford, MS. Ashmole 1462, Folio 23r, spätes 12. Jahrhundert

Die Göttin Artemis ist auch das beinahe vergessene Gegenüber ihres Zwillingsbruders Apollo, verdrängt durch das männlich selbstverliebte Gegensatzpaar apollinisch/dionysisch, das vor allem Nietzsche populär gemacht hat. Schöpferische Entwicklung entsteht in diesem Denken im Spannungsfeld von Apollo als Garant von Form und Ordnung und Dionysos als rauschhaftem Grenzüberschreiter. Exzess der Askese oder Exzess des Rausches, die Ernüchterung folgt beiden, die kalte harte Realität der Kopfschmerzen. Die weibliche Seite wird enteignet, verschwiegen und de facto aus dem Kulturschaffen ausgeschlossen. Selbst aus der Mythologie wird sie so weit wie möglich entfernt oder marginalisiert. Übrig bleiben Bilder von arglistigen, zänkischen oder hysterischen Frauen, die mann nicht ernst zu nehmen braucht. Nicht so Artemis, sie lässt sich nicht unterkriegen, sie bleibt unverheiratet, selbständig und bewaffnet, ihre Pflanzen sind bitter und heilsam. 

Die Bitterkeit, die uns im Alltag befällt, ist im Kraut der Göttin nur wohltuend. Bitterstoffe erinnern die Zellen an den Zustand der ursprünglichen Wildheit. Der ganze Körper wird wieder wach, lebendig, widerstandsfähig, fröhlich. Artemis-Diana, die Hüterin der Wildnis, beschützt die Wesen, die ihre eigene Wildheit leben. Wer sich entschließt, die Unterdrückung zu beenden und innere Freiheit wachsen zu lassen, ist auf dem Weg der Artemis-Diana.
— Luisa Francia

In Asien werden Artemisien nach wie vor hoch geschätzt. Die Anzahl der vorgeschlagenen Anwendungen ist überraschend breit gefächert: Fusswickel für müde Füße und zur Entgiftung, Augenmasken zur Entspannung und Straffung, Umschläge für den Rücken, Fuss-, Dampf- oder Sitzbäder bei Menstruationsbeschwerden oder Unfruchtbarkeit, Slipeinlagen, Cremen, Seifen und Gesichtsmasken, zum Räuchern und zur Moxibustion, dazu Tees und die ganz alltägliche Verwendung in der Küche als Gewürz und Gemüse. In der traditionellen Medizin finden sich neben den Hinweisen auf die Wirksamkeit gegen Wurmbefall und Verdauungsbeschwerden auch Rezepte mit Artemisien gegen Malaria und Krebs. Diesen Hinweisen geht nun auch die Schulmedizin vermehrt nach und Artemisien werden für die Medizin aufs Neue interessant. Im Jahr 2015 ging der Nobelpreis für Medizin an die chinesische Pharmakologin Youyou Tu, deren Arbeit von einer Heilpflanze der traditionellen chinesischen Medizin inspiriert wurde: Aus Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß, gewann sie die Substanz Artemisinin, die gegen Malaria wirksam ist.

Woher kommst du? Wohin gehst du? Kennst du den Weg? Was vorher war wird nachher sein. Wie eine Hand voll Wasser, die wir aus einer Schale schöpfen und wieder zurückfließen lassen: Es ist jedes Mal eine Hand voll Wasser, doch keine ist identisch mit der zuvor. Das Ende führt uns zurück an den Anfang und Artemisien begleiten uns. Sie sind Reisekräuter, sie unterstützen die Reisenden auf langen Fussmärschen, sie helfen beim Übertreten der Schwellen des Lebens bei Geburt und Tod, und sie unterstützen  die magisch Reisende. Sie vermitteln zwischen den Welten, machen die Grenzen der Welten durchlässig. Artemis, Una, die Bärin, ist die Hüterin der Schwelle. Die Schamanen Sibiriens und Nordamerikas räuchern mit Artemisien ebenso wie es die antiken Priesterinnen der Artemis taten, um sich zu reinigen, Dämonen zu vertreiben und sich mit Ahnen oder Geistern zu verbinden. Im Europa des Mittelalters und der Renaissance machte die Kirche Artemisien zu giftigen Hexenkräutern. Selbstbestimmte Weiblichkeit war in keiner Weise erwünscht, selbst die Erinnerung daran ging in den Flammen der Hexenverfolgungen auf. Es ist umstritten, ob Artemisien eine psychoaktive, also berauschende, Wirkung hat, viele Menschen spüren keinerlei Effekt. Als simple Rauschdroge sind Artemisien nicht geeignet. Bei manchen Menschen wirkt der Rauch der Artemisien subtil wahrnehmungs- und bewusstseinsverändernd, auch als Traumkraut das die Intensität der Träume und das Erinnerungsvermögen steigert.  

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Eben diese subtilen Wirkungen wussten auch viele Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schätzen, die sich vom aus Artemisien hergestellten, sagenumwobenen Absinth inspirieren ließen. Artemis im grünen Kleid, die grüne Fee huscht zur "Grünen Stunde" durch die Cafés und Gärten der Jahrhundertwende. Zu den bekanntesten Absinth-Liebhabern zählen Vincent van Gogh, Henri de Toulouse-Lautrec, Edouard ­Manet, Edgar Degas, Pablo Picasso oder Oscar Wilde. Charles Baudelaire trank ­damit gegen seine Schreibhemmungen an. Doch die grüne Fee kam bald in Verruf, bei Dauerkonsum, dem Absinthismus durch das enthaltene Thujon zu irreparablen Schäden des Körpers und des Zentralnervensystems zu führen. Inzwischen ist diese Theorie längst widerlegt: Die im Absinth enthaltene Thujonmenge reicht nicht aus, um toxisch zu wirken. Der wesentliche Faktor für die beschriebenen negativen Auswirkungen war der im Absinth enthaltene minderwertige Industriealkohol in Verbindung mit zweifelhaften Färbemethoden um das berühmte Absinthgrün zu erhalten. Das so gefürchtete Krankheitsbild des Absinthismus beschrieb oft nicht viel mehr als schweren Alkoholismus. Schließlich wurde der Konsum von Absinth wegen seiner angeblich schädlichen Wirkungen verboten. Die Kampagnen zum Verbot des Absinth zeigen genüsslich den Mord an der grünen Fee, der einstigen großen Göttin.  

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Paradies, Fegfeuer, Sündenablass – die Verehrerinnen der Artemis-Diana konnten darüber nur lachen. Du bist Teil der Natur, Teil von allem und damit ohnehin unsterblich, ist die Botschaft der Göttin. Du lebst, dein Körper zerfällt, deine Energie sucht sich neue Orte. Deine Asche befruchtet Pflanzen, in denen du lebst, dein toter Körper wird von Tieren und Pflanzen zerteilt, aufgenommen und neu gestaltet. Artemis-Diana gibt keine Versprechen für ein Leben jenseits der Körperlichkeit. Ihre Botschaft ist: Beobachte die Wildnis. Sie setzt sich überall durch. Wenn der Mensch verschwindet, dauert es keine zweihundert Jahre, bis keine Spur mehr von Menschen zu sehen ist. Befreunde Dich mit der Wildnis und du lernst etwas über Geborgenheit, Wachstum und Tod. Beobachte die Wildnis, auch die Wildnis in dir selbst, und du lernst etwas über Freiheit und überschwängliche Lebenslust. Hör auf die Botschaft der Göttin: Lass dich nicht niederringen. Steh für deine Interessen auf und wehre dich. Lass die wilde Kraft aufsteigen, die in der Artemisia mit all den Bitterstoffen enthalten ist. Der Bogen, den Diana trägt, gilt nicht der Jagd. Nicht die wilden Tiere jagd sie, sondern die Unterdrücker, die Gewalttäter, die Zerstörer der Natur. Wer sich mit Artemis-Diana verbündet, verbündet sich mit der Natur und lässt nicht zu, dass die eigene wilde Kraft, die Natur in uns, zerstört wird.
— Luisa Francia

Die Jahrhunderte sind immergrün

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

Die Geschichte der Gärtnerei ist der Triumph derer mit den grünen Daumen, begleitet vom Gelächter schäumender Brunnen.
— Derek Jarman

31. Mai 2018

Die Pflanzen stehen dicht verwoben, immer stärker kontrastieren dunkle Töne das satte Grün der verschiedenen Artemisien (argyi, douglasiana, annua, lactiflora, canna und vulgäre). Die Rote Melde und die zart violetten Blüten der Verena bonariensis wachsen über alle hinaus, die ersten dunklen Tomaten sind schon sichtbar. Dazwischen das dunkle Laub der Dahlia 'Bishop of Llandaff' und die schwarzen Sterne der 'Verrone's Obsidian'. Der Garten gleicht immer mehr seinem Vorbild.

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23. Mai 2018

Der artemisiaGARTEN wächst und wächst: Schon ist die erste schwarzrote Dahlie, 'Verrone's Obsidian', kurz vor dem Aufblühen - auf Augenhöhe. Die violetten Blüten der Verbena bonariensis schweben zwischen den saftig grünen Artemisien und den burgunderfarbenen Blättern der Atriplex hortensis var. rubra, der roten Gartenmelde. 

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Archaisches Grün koloriert die Zeit. Die verstreichenden Jahrhunderte sind immergrün. Grün kleidet die Erde in Stille, verebbt und flutet mit den Jahreszeiten. In ihm liegt die Hoffnung auf Neubeginn. Wir spüren, dass Grün mehr Schattierungen hat als jede andere Farbe, wenn die Knospen das winterliche Dunkel in den Hecken durchbrechen. Halluzinatorische, sonnige Tage.
— Derek Jarman

16. Mai 2018

Das Blattwerk beginnt seine Farben zu entfalten, Artemisiengrün, Chromoxidgrün, Erbsengrün, Olivgrün, Viridiangrün, Distelgrün, Smaragdgrün, Saftgrün. Mehr Grün als ein Fotograph aufnehmen kann. Sonnendurchleuchtet oder glänzend nass vom Regen. Es zeigt sich, dass Grün auch Bordeaux sein kann, Zitronengelb oder fast Schwarz, mit einem Hauch von Braunviolett.  Nur ein paar zartgelbe Tomatenblüten, roter Klatschmohn und pudrig weißer Lauch, mehr blüht noch nicht. Die Farbe steckt im Blattgrün. 

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5. Mai 2018

Noch ist der Garten nur ein Versprechen, noch sieht nichts wild aus. 

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2. Mai 2018

Vor einer Woche gepflanzt, noch einmal Erde nachgefüllt. Die Eröffnung kann beginnen...

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Der Garten muss wilder werden.

Wir haben beschlossen, wilder zu sein: Wir haben für unsere Werke der wilden Schöpfung die Wildnis gewählt.
— Mary Daly

#greenARTtulln

Es gibt sie tonnenweise: Tipps und Tricks für den Sommergarten, für den Wintergarten, Tipps für den kleinen Garten, kleine Tipps für deinen Garten. Profitipps für Macher, Gartenideen für Anfänger, mit Gartentipps zu einem immer schöneren Garten. Altes Wissen für den Garten, Bauerngarten leicht gemacht. Gartenregeln für den Kleingarten, 10 Regeln für einen attraktiven, pflegeleichten Garten. Ist der Garten nicht per definition der Bereich der gezähmten Natur, der Ordnung, jener kleine Bereich der Welt, den der Mensch unter Kontrolle hat? Der Gärtner, gottgleich, hat den Überblick, weiß wo es lang geht, wo etwas wachsen darf und wo nicht. Wurzelsperren und Insektenhotels. "Ist nicht die Lust am Gärtnern längst überformt durch einen sturen Ordnungsfanatismus, durch den die Natur gerade verhindert wird, so zu wachsen, wie sie wachsen will?" (1) Ach ja, die Natur. Wie sie wachsen will, das wissen die Ökologen und Naturgärtner: sich selbst regulierende, stabile Systeme im Gleichgewicht. Wie gut, dass sich die Natur nicht darum kümmert. Genug davon. An einem warmen Abend im August, inmitten der wuchernden Artemisien, wurde uns klar: Das Leben lässt sich nicht einschränken. Im Garten nicht einmal durch den Tod. Jeder Versuch diesem Wesen Regeln aufzuerlegen wird umgehend subtil umwachsen. Ebenso wie der Versuch aus dem Vorhandenen, naturbelassen oder nicht, etwas anderes als Kurzschlüsse abzuleiten. Die führt schon der nächste Mistkäfer ad absurdum. Da helfen keine Tipps, keine Regeln und Wachstumstabellen auch nicht. Kontrolle behalten? Ordnung? Lächerlich und nekrophil. Der Garten aber ist biophil, voll mit Leben, Lebewesen und Lebensweisen, Möglichkeiten und Enttäuschungen, die neue Möglichkeiten entbergen. Es wurde klar: Der Garten ist wild. Und sie muss wilder werden.     

Wild - was bedeutet das eigentlich? Mary Daly schreibt dazu:

"Als Hilfestellung, um den Ruf unserer wilden Natur zu hören / zu er-innern, können wir uns die seltsame und un-wahrscheinliche Sprache des Lexikons ansehen, die, entgegen all seinen Absichten, diesen Ruf übermittelt.

Wild wird dort erklärt als "im Naturzustand leben; natürliche Schlupfwinkel bewohnen; nicht gezähmt oder domestiziert ... einer Art angehörend, die normalerweise nicht domestiziert wird." Es heißt, "wachsen oder entstehen ohne Hilfe und Pflege von Menschen; nicht kultiviert; von der unberührten Natur hervorgebracht ... URSPRÜNGLICH". Es heißt, "nicht in der Nähe oder in Gemeinschaft mit Menschen lebend". Es heißt, "nicht bewohnt oder kultiviert". Es heißt, "keinen Einschränkungen und Vorschriften unterworfen: UNKONTROLLIERT, UNBEHERRSCHT, ZÜGELLOS".

Wild bedeutet: "keiner Kontrolle, Einschränkung oder Domestizierung zugänglich: WIDERSPENSTIG, UNZÄHMBAR, VERWEGEN". Es heißt "(auf ein Schiff bezogen) schwer zu steuern". Es heißt, "normale oder konventionelle Grenzen im Denken, in Entwürfen, Konzeptionen, Ausführung oder Natur überschreiten: EXTRAVAGANT, PHANTASTISCH, VISIONÄR". Es heißt, "keine Kulturaneignung einer fortgeschrittenen Zvilisation: PRIMITIV, UNZIVILISIERT, BARBARISCH". Es heißt, "sich keiner Regierungsautorität unterwerfen: UNGEZÄHMT, UNLENKSAM, REBELLISCH". Es heißt, "Charakteristikum von, gehörend zu, oder Ausdruck von Wildnis, freilegenden Tieren oder Leuten in einer einfachen oder unzivilisierten Gesellschaft oder Umgebung".

Wild bedeutet, "von natürlichem oder erwarteten Kurs, Ziel oder Praktik abweichen; handeln erscheinen oder sich manifestieren auf unerwartete, unerwünschte oder unvorhersehbare Weise: ZIELLOS, UNBERECHENBAR". Es heißt, "durch keine bekannten Theorien abgedeckt".

Wild heißt, "groß in Ausdehnung, Umfang, Quantität oder Intensität: EXTREM, GEWALTIG". Es heißt, "(auf eine Spielkarte bezogen) einen Wert haben, der jeweils vom Spieler bestimmt wird"." (2)

 Artemisia momijamae, August 2017

Artemisia momijamae, August 2017

Es heißt "lebenskräftig, stark sein, ... die Grundbedeutung von wild geht also auf ungeschwächte, ungezähmte Naturkraft zurück". Es heißt "überhaupt in unverändertem Naturzustande befindlich, in ursprünglicher natürlicher Beschaffenheit, von menschlicher Kunst und Absicht unberührt; insbesondere in Ansehung der körperlichen, physischen Natur: der menschlichen Bildung, Kultur, Zucht, Pflege oder Sorgfalt ermangelnd, nicht gezähmt, nicht veredelt, nicht angebaut, nicht künstlich hervorgebracht oder geregelt".

Es heißt "von Pflanzen, welche wild wachsen, das ist unangebaut und ohne Pflege, entgegen den Garten- und Feldgewächsen, auch ein wilder Boden, ein wildes Land, eine wilde Gegend, ohne Spuren regelnder Kunst". 

Es heißt "hässlich, garstig, schmutzig, das ist der äusserlichen Bildung oder Pflege ermangelnd, - ein wildes Gesicht, ein wildes Mädchen, auch wildes Wetter -, der gesellschaftlichen Bildung, Gesittung und geregelten Lebenseinrichtung ermangelnd, im rohen Naturzustande lebend,  ungesittet, unzivilisiert". Es heißt "der höheren sittlichen Bildung und Erziehung ermangelnd, und in diesem Mangel gegründet, sinnverwandt roh, ungesittet, unsittlich, ungezogen".

"In bestimmterer Bedeutung" heißt es "seine Leidenschaften nicht zügelnd, sinnverwandt zügellos, unbändig, grausam, in hohem Grade heftig, ungestüm: wild wüten oder rasen, wilde Begierde, ein wildes Vergnügen, wilde Blicke, ein wildes Pferd, das ist ein unbändiges, ungestümes, ein wilder Strom". Es heißt "von leidenschaftlicher Aufwallung oder Erregtheit in einem besondern Falle, höchst unwillig, ungehalten, aufgebracht, zornig, böse: wild werden, in Zorn geraten, einen wild machen, wild auf jemand sein".

Es heißt "scheu, zum Ausreißen geneigt,  auch fremd, unbekannt, fremdartig, ungewöhnlich, erstaunlich, sonderbar, seltsam, auffallend: welche Bedeutung ihren Grund in dem Gegensatz des Wilden, Ungebildeten, als eines Ungewohnten, Fremden, gegen das Gebildete, Heimische hat, daher noch jetzt: wildfremd für ganz fremd". (3)

 Artemisia annua, Dahlia 'Verrone's Obsidian' und 'Kenora  Macop B', August 2017

Artemisia annua, Dahlia 'Verrone's Obsidian' und 'Kenora  Macop B', August 2017

Ungezähmt und unbezähmbar, wütend, leidenschaftlich, hässlich, kulturlos. Die Regeln und Grenzen überschreitend, nach eigenen Regeln lebend, nur um sich auch über sie hinwegzusetzen. Was nun ist an diesem Garten wild? Eine besonders ökologisch richtige Pflanzenauswahl? Ein Porträt einer unberührten Landschaft? Das interessiert uns nicht. Keine Natur im Garten. Aus dem Garten hört man wildes Lachen. Wild ist überschwänglich und öde im Überfluss. Sie wachsen nicht in verordneten Bahnen, Zeiten und Trögen. Sie wachsen überall: zwischen den Fugen im Asphalt, in Wüste und Sumpf, Rathausplatz und Brache. Sie breiten sich aus, verwildern. Sie laden dazu ein selbst zu verwildern. Artemisien, benannt nach Artemis, der wilden Göttin, sind bitter und ungezügelt im Wachstum. Mitten im August verlieren wir uns zwischen den hohen, duftenden Pflanzen, werden selber Pflanze, verwurzeln uns wieder. Als Teil des Gartens werden auch wir wilder, leidenschaftlich, zornig und durch keine bekannte Theorie fassbar.       


(1) Michael Andritzky: Grün als Ware. In: Andritzky & Spitzer (Hg.): Grün in der Stadt – von oben/von selbst/für alle/von allen. Reineck 1981, S 117

(2) Mary Daly: Gyn/ökologie. München 1986, S 360f

(3) Johann Heyse: Handwörterbuch der deutschen Sprache mit Hinsicht auf Rechtschreibung, Abstammung und Bildung, Biegung und Fügung der Wörter, so wie auf deren Sinnverwandtschaft. Magdeburg 1849, S 1968f

artemisiaGARTEN

Ein Garten nach einem Bild für den Rathausplatz in Tulln - #greenARTtulln

Der Garten ist ein Modell der Welt im Maßstab 1:1.
— Lucius Burckhardt

Steinpflaster und Kugelahorn; niedrige, bunt und ohne sich zu versamen blühende Pflanzen bestimmen den Raum rund um die Mariensäule – ein Garten, auch hier. Das Modell einer geordneten Welt. Alles unter Kontrolle.

Der Garten ist ein Modell für unseren Umgang mit der Welt, unsere Weltsicht, unseren Zugriff auf die Welt: Egal wie groß oder wie klein er ist, birgt er immer eine Utopie in sich. Wie wollen wir leben? Fest verankert im hier und jetzt verweist der Garten auf eine Vergangenheit und auf eine Zukunft.

Der Garten muss wilder werden.

Der artemisiaGARTEN entsteht im Kontrast zu den gewohnten Beeten, wuchernd, dunkel und überschwänglich, ein Ort des Überflusses als Antithese zur gebändigten Natur. Der Entwurf des Gartens folgt in der Auswahl der Pflanzen einem gemalten Bild: Ungewöhnliche Pflanzen in einer ungewöhnliche Zusammenstellung. Die Pflanzen kommen aus unserer Sammlung von Pflanzen der Gattung Artemisia und werden ergänzt durch Dahlien und dunkle Gemüsesorten.

Die Artemisia-Arten, von denen es über dreihundert gibt, waren  bereits in der Antike als Heil- und Gewürzpflanzen bekannt. Sie haben grünlich-graue Blätter, der Geschmack ist oft bitter, ihr Duft herb-würzig und die Blüten sind meist unscheinbar. Im Garten treffen sich Pflanzen unterschiedlicher Herkunft: Artemisia annua, der einjährige Beifuss, den es in Österreich nur mehr selten gibt, und dessen heilende Wirkung gegen Malaria Hoffnung gibt. Artemisia argyi, eine in China beliebte Varietät des Beifusses. Artemisia lactiflora 'Weiße Dame' oder Elfenraute, eine intensiv duftende Sorte des Pflanzenzüchters Ernst Pagels. Artemisia momijamae, eine selten kultivierte Art aus Japan mit ungewöhnlich graugrünen Blättern und einem kontrastreichen, silbrigen Rücken. Artemisia vulgaris var. gilvescens, eine Wildart aus dem Osten Sibiriens, eine eindrucksvolle herb-aromatische Heilpflanze. Dazu dunkle Tomaten, wie die Sorten 'Dancing with Smurfs' und 'Helsing Junction Blues', die erst vor kurzem gezüchtet worden sind. Begleitend dazu die violetten Blütenschirmchen der Verbena bonarensis, rote Melde und roter Amarant, dunkellaubige und burgunderfarbe Dahlien blühen dazwischen.

Natürlich sind die Aussagen der Gärten nicht einfach lesbar; die Bedeutung von Kunstwerken – und Gärten sind Kunstwerke – ist keineswegs eindeutig. Gärten sind vielmehr das grosse Experimentierfeld, auf welchem die Zeitalter tastend in jene Gefilde vorstiessen, zu welchen sie aufschiebbare Gedanken noch nicht entwickelt hatten.
— Lucius Burckhardt

Der artemisiaGARTEN besteht aus parallel angeordneten Beeten, zwischen denen Betrachter durchgehen können, sich im Garten verlierend, umschlossen vom Geruch der Pflanzen.

Sommer 2018 am Rathausplatz Tulln, #greenARTtulln

Eröffnung: Samstag, 5. Mai um 10 Uhr

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Anita ist gegangen. 

30.5.1975 Krippau - 30.10.2017 Wien

 KAUST King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabien 2014 

KAUST King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabien 2014 

Mir kamen heute beim Malen die Gedanken her und hin und ich will sie aufschreiben für meine Lieben. Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest. Meine Sinneswahrnehmungen werden feiner, als ob ich in den wenigen Jahren, die mir geboten sein werden, alles, alles noch aufnehmen sollte. Mein Geruchsinn ist augenblicklich erstaunlich fein. Fast jeder Atemzug bringt mir eine neue Wahrnehmung von Linden, von reifem Korn, von Heu und Reseden. Und ich sauge alles in mich ein und auf. Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar.
— Paula Moderson-Becker

Ich habe Anita 2006 bei ihrer Aufnahmeprüfung in der Klasse für Landschaftsdesign an der Angewandten kennengelernt. Ich habe die eigenartige Erinnerung an diesen Tag, dass es in dem Moment, als sie das Zimmer betreten hat, ein wenig heller geworden ist, die Farben ein wenig bunter wurden. Mit der Zeit wurde sie von der Studentin zur Künstlerin, zur Kollegin, zur Freundin und zur künstlerischen Partnerin. Nach ihrem Diplom 2012 bot sich die Gelegenheit zu zweit ein Projekt bei der Chelsea Fringe in London zu machen, und danach haben wir einfach nicht aufgehört. Nicht weil wir einen großen Plan gehabt hätten, sondern aus reiner Freude. Gemeinsam haben wir riesige Wandbilder gemalt, und so viele Arbeiten auf Papier, haben Staudenbeete geplant, und haben Workshops und Ausstellungen auf der halben Welt gemacht. Anita war eine leidenschaftliche und unkonventionelle Künstlerin, präzise und voller Energie. Jeder Bereich der mit Form, Materialästhetik, Raum und Atmosphäre, mit Schönheit zu tun hatte, hat ihr keine Ruhe gelassen. Sie liebte die praktische Seite der Kunst, die Arbeit mit Farben und Pflanzen. Sie wusste was sie wollte, und wenn nicht, hatte sie genug Neugierde und Freude am Risiko um es herauszufinden.

Eines ihrer schönsten Werke nannte sie "flirrend weiss". Ein gemaltes Bild diente als Grundlage für die Pflanzenauswahl eines weiß blühenden Staudenbeetes, das sie im Botanischen Garten pflanzen konnte. Über Jahre hinweg machte sie ein Mal wöchentlich von oben ein Foto dieses Beetes, ob Sommer oder Winter. Sie war eine genaue, ausdauernde Beobachterin, die Woche für Woche jede Veränderung registrierte. Im Hintereinander dieser Bilder sieht man das Wachsen, das Blühen und das Vergehen dieser Pflanzen. Man sieht die Erde und das Unkraut. Auf manchen Bildern sieht man nur ein paar trockene Blätter. "Da ist ja nichts" könnte man sagen, aber genau diese Bilder zeigen ihre feine künstlerische Wahrnehmung: Sie sah die Schönheit der Welt auch dort, wo eigentlich nichts, nur ein wenig feuchte Erde oder ein paar zufällige Farbtupfer waren. Sie sah die Blumen in der Malerei, und die Malerei in den Blumen. Unsere gemeinsame Arbeit ist eingebettet in diesen Kreislauf aus Pflanzen und Farben.

Mit Anita zu arbeiten war mühelos wie ein Tanz. Wir wussten, was die andere tut und waren gleichzeitig neugierig darauf. Wir machten gewagte Sprünge, und vielleicht sind wir manchmal ausgerutscht, aber wir wussten, dass wir einander auffangen und aus dem vermeintlichen Fehler eine neue, aufregende Choreographie entwickeln können. Ich bin Anita für jeden Schritt, für jede gemeinsame Minute, für jedes Lächeln dankbar. Und trotzdem, es war viel zu wenig, viel zu kurz. Sie fehlt mir.

Von Landschaften und Mustern, Pflanzen und Stoffen: VIENNA DESIGN WEEK 2017

Design ist mehr als das gestaltete Objekt und wird als elementarer Bestandteil der Kulturproduktion verstanden. Das Festival macht anschaulich, wie grundlegend Design unsere materielle Kultur, unseren Alltag und unsere Warenwelt prägt, ebenso wie Lebensstil und Mode, kurzum: unser gesamtes ästhetisches Empfinden und Urteilen.
— VIENNA DESIGN WEEK

Heuer machen wir zum ersten Mal bei der VIENNA DESIGN WEEK mit – Österreichs größtem Designfestival, das 2017 zum elften Mal stattfindet. Das von Lilli Hollein kuratierte Event hat es sich zur Aufgabe gemacht, designerische Entstehungs- und Produktionsprozesse offenzulegen und das experimentelle Arbeiten vor Ort anzuregen. Ganz Wien wird zum Schauraum für Design. 

Mit Kieran Fraser Landscape Design in der Reindorfgasse 31 haben wir den perfekten Partner und eine Location mitten im Fokusbezirk Rudolfsheim-Fünfhaus gefunden. Drei Designwelten treffen hier einander: Kieran Fraser entwickelt mit seinem Team Gestaltungskonzepte für atmosphärische und gleichzeitig funktionale Landschaften. Im Mittelpunkt unserer Arbeiten stehen Pflanzen und Muster – zu sehen in großformatigen (Wall)paintings und einer hortikulturellen Installationen sowie auf exklusiven Bio-Baumwollstoffen von Rita Garstenauer (Sheen Organic Textiles). Aus den unterschiedlichen Kompetenzen entstehen immer wieder gemeinsame Projekte. Das Streben nach ästhetischer Qualität und vielschichtiger Wahrnehmbarkeit ist dabei unsere verbindende Konstante.

Zu trinken gibt es Wein von Jutta Ambrositsch und noch einiges mehr... 

Wir freuen uns über jeden Besucher!

29. September - 8. Oktober 2017, täglich 18-21 Uhr

 

Kieran Fraser Landscape Design e.U.

15., Reindorfgasse 31

 Fusion  Malerei und hortikulturelle Installation für die Vienna Design Week 2017

Fusion

Malerei und hortikulturelle Installation für die Vienna Design Week 2017

Edward Steichen: Connecticut Yankees

After the Armistice back on my plant farm in Connecticut, I decided to work on my new types of Delphinium and growing the tall garden hybrids on a small scale purely for the fun of growing them and the joy of having them around.
In 1934 I made a few interesting inter-species crosses, first using carefully selected plants of belladonna/tatsuenense referred to previously in connection with the exhibition at the Museum of Modern Art. The Cashmerianum itself and Elatum plus Cashmerianum entered the project and low-growing unidentifiable Rocky Mountain species was added. More important, I had also after many, many attempts produced two seedlings from crosses between the garden hybrids and the belladonna tatsuense crosses. Theses two seedlings were intermediate between the belladonna/tatsuenense and the garden hybrids, taller and more lusty than the belladonna/tatsuenense. They both had double elatum-type flowers like the tall parent, but they were completely sterile. About that time scientists discovered that the drug, Colchicine, which, incidentally had for a number of years had been playing an important role in the treatment of several vicious attacks I had of gout, could double the chromosomes count in plants and turn diploids into tetraploids. Plants which were sterile because they had inherited only one set of chromosomes could be rendered fertile with this drug by doubling the chromosomes. After inquiry and study I tried this on the sterile elatum/belladonna/tatsuenense seedlings. With beginner’s luck, three nice fat seed pods produced viable seed. These seedlings represented the almost miraculous beginning of a new race of what might be called a ‚bush’ Delphinium, with florets from two to three and a half inches in diameter.
Among the several dozen seedlings resulting from the Colchine treatment there was one with large single flower. As I felt the single flowers were more suitable for this bush type than the double flower I discarded the doubles and concentrated on the inter-species crosses I have previously listed, also crossing in selected Cheilanthum seedlings. As this complexly evolved new race of Delphiniums oribinated and was developed here in Connecticut, I am consequently referring to them as Connecticut Yankees and the work is far enough along now insofar that they exist in the full range of Delphinium colors. They will be ready within the next year or so to be turned over to one of our large scale seed-producing firms and, like our Mark Twain’s Connecticut Yankees, they are sure to turn up sooner or later in the land of King Arthur’s Court.
— Edward Steichen
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Lost and found: In 2013 we did some research concerning the conceptual art of hybridizing for the exhibition "(Landscape) with Flowers". One of the most prominent artist-plantsmen we found was the world famous photographer Edward Steichen. From 1908 until his death in 1973 he bred delphiniums, and he drew clear parallels between his approach to photography and to plant breeding.

On June 24, 1936, the exhibition titled “Edward Steichen’s Delphiniums” was opened at the Museum of Modern Art in New York. Just how unusual the show was can be gathered from the museum’s press release:

They are original varieties, as creatively produced as his photographs. To avoid confusion, it should be noted that the actual delphiniums will be shown in the museum—not paintings or photographs of them. It will be a ‘personal appearance’ of the flowers themselves.

From this exhibition Steichen hoped to gain recognition for breeding plants as an art form—but was disappointed. Steichen’s demands of the art business remain without much consequence to this day. For him, flowers were central objects of aesthetic work, which involve questions of form every bit as much as their intensive preoccupation with light and color. He pursued plant breeding as an art form equal of photography, painting or literature, and he remains to be discovered as pioneer of BioArt.

 In 1965 Steichen presented an entirely new variety of smaller delphinium—“a bush covered by blue butterflies.” He called this delphinium 'Connecticut Yankee', after Mark Twain’s novel A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court, and, released them with the wish "like our Mark Twain’s Connecticut Yankees, they are sure to turn up sooner or later in the land of King Arthur’s Court." Today, it is the only one of his breeds that is still available. While Steichen’s photographic works can be traded at high prices on the art market, today his 'Connecticut Yankee' variety can be had for around 2 dollars in a garden center—though without any mention of the artist. 

We managed to get some seeds and to grow some beautiful plants that were presented in the exhibition. The photo shows the varity of colors, coming out of one package of seeds. Unfortunately now they are all gone. 

das schwärzeste schwarz

...Natürlich, es gibt Künstler und sogar den einen oder anderen Philosophen, für die das alles ganz normal ist. Zum Beispiel Hokusai: „Es gibt ein Schwarz, das alt, und ein Schwarz, das frisch ist.“ Oder Ad Reinhardt: „Mattschwarz in der Kunst ist / nicht Mattschwarz / Glänzendschwarz in der Kunst ist Glänzendschwarz / Schwarz ist nicht absolut / Es gibt viele verschiedene Schwarz...“ Oder Wittgenstein: „Könnten nicht auch glänzendes Schwarz und mattes Schwarz verschiedene Farbnamen haben?“...
— David Batchelor, Chromophobie

Das schwärzeste Schwarz – es hat uns erst darauf aufmerksam gemacht, dass schwarz, wie wir es kennen, nicht eigentlich wirklich schwarz ist, sondern eben nur schwarz genug um in den sprachlichen Begriff zu fallen. Wird das schwärzeste schwarz nun die Sprache verändern?

arbeiten, mit blindem passagier

 Ernst-Arnold-Park, Vienna 2015

Ernst-Arnold-Park, Vienna 2015

Die Geschichte der abstrakten Kunst ist im Grunde die Fortsetzung der Geschichte des Ornaments mit anderen Mitteln und in einem anderen Kontext. Vor der sogenannten modernen Kunst hat die Ornamentik in allen Kulturen und durch alle Zeiten hindurch das Reich des Ungegenständlichen beherbergt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Ornament aufgrund der Krise der Dekoration im Bereich der angewandten Kunst immer obsoleter und emigrierte sozusagen in die Hochkunst, in die gerade abstrakt werdende Kunst. Zunächst wirkte es dort wie ein blinder Passagier. Doch das ganze Wissen, das es über Jahrtausende über die Formmöglichkeiten des Ungegenständlichen, und die Fähigkeit, Sinn zu bergen, angesammelt hat wird für die Entfaltung der abstrakten Kunst immer wichtiger.
— Markus Brüderlin

In einem Interview definiert Markus Brüderlin das Ornament als "blinden Passagier" der abstrakten Kunst - dieser blinde Passagier, jene Kenntnisse und Praktiken, die durch Muster und Ornamente generiert und tradiert werden, steht im Zentrum unseres Interesses. Die Verflechtungen unterschiedlicher Kompetenzen, Kenntnisse, Traditionen und Orientierungen dienen als Inspiration unserer Malerei. Diese entsteht aus dem Dialog, der Überlagerung vieler Schichten, Farben, Muster, manchmal über Jahre hinweg. Das Bild ist nicht mehr Blick hinaus durch ein geöffnetes Fenster, sondern umgekehrt: ein verstellter, gehinderter Blick, ein Blick durch Gitter, Zäune, Schleier, in verborgene Räume, das Dickicht, Boudoir, im Zwielicht. Malerei, die ebenso den Strukturprinzipen des all over folgt wie denen des Ornaments und doch weder als das eine noch als das andere hinreichend verstanden ist. Dazu die entstandenen Bilder mit Geschichten anreichern, sie mit neuen, anderen Orten verbinden und so ein dichtes Netz an Verweisen weben. Das nicht Vorhersehbare macht den blinden Passagier sichtbar.