Das Kraut der Artemis

#greenARTtulln#artemisiaGARTEN

Die Mittagshitze trägt den aromatischen Duft der Artemisien zu mir ins Haus. Draußen in den Beeten wuchern unterschiedliche Arten neben- und durcheinander, die meisten schon im Mai frauhoch. So groß ihre Bedeutung als Heil- und Ritualkräuter in der Vergangenheit war, so bedeutungslos scheinen sie heute, denn für den kommerziellen Geschmack sind Artemisien zu unscheinbar, — und zu bitter. Man kennt Wermut (Artemisia absinthium) und Estragon Artemisia dracunculus), vielleicht auch Beifuss (Artemisia vulgaris) — sie sind die heute bekanntesten Vertreter der botanischen Gattung Artemisia, die über 300 Arten weltweit umfasst. Ihre Farbenvielfalt ist außergewöhnlich: Von zartem Silbergrau, fast metallisch anmutendem Graugrün, Giftgrün bis zu dunklem Saftgrün reichen die Variationen. Man findet Artemisien in den brennenden Sandwüsten von Afrikas, so gut wie im rauhen Sibirien, und gerade dort gibt es viele Arten. Artemisien wachsen in Mexiko über Nordamerika bis Alaska, sie gedeihen in der Nähe des Äquators, aber auch in Grönland, Labrador und Kamtschatka. Artemisien wachsen an den Ufern der Weltmeere aller Zonen, und sie steigen hinauf bis zu dem ewigen Schnee der Berge. 

Gemyne ðu, mucgwyrt, hwæt þu ameldodest,
hwæt þu renadest æt Regenmelde.
Una þu hattest, yldost wyrta.
ðu miht wið III and wið XXX,
þu miht wiþ attre and wið onflyge,
þu miht wiþ þam laþan ðe geond lond færð.

Erinnere dich, Beifuss, was du verkündet hast,
was du bekräftigt hast bei der grossen Versammlung.
Una heisst du, ältestes Kraut.
Du hast Macht für 3 und gegen 30,
du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung,
du hast Macht gegen das Übel, das über Land fährt.
— Lacnunga Codex, British Library Harley 585, 11. Jahrhundert

Besonders gern wuchern sie an Straßen und Wegesrändern, wo sie oft ein unbeachtetes Schattendasein führen. Als Pionierpflanze an Wegrändern, auf Brachen und Schuttplätzen, oder neben den Feldern mit genmanipuliertem Mais wachen Artemisien, ein lästiges Unkraut, das in der Landwirtschaft bekämpft wird. Hat sie,  Una, einst die Erste, die Wirkungsvollste, die Mächtigste, noch die Macht gegen die Übel, die über das Land fahren? 

Walahfrid Strabo, der Abt des Klosters Reichenau, nennt sie im 9. Jahrhundert die "Mutter aller Kräuter“. Vertreterinnen der Gattung Artemisia wurden im alten China und in Ägypten, in Persien, dem antiken Griechenland und dem römischen Reich, bis hin zu den indianischen Kulturen Amerikas als wichtige Kräuter geschätzt, und das über lange Zeiten — in den Höhlen von Lascaux wurden rund 17000 Jahre alte Reste dieser Pflanzen gefunden. Artemisia ist das Kraut der Göttinnen, der römischen Diana, der ägyptischen Isis und besonders der griechischen Göttin Artemis, auf die der botanische Gattungsname "Artemisia" zurückgeht. Artemis, die Schöne, war die bedeutendste Göttin der Antike, ihr Tempel in Ephesus gehörte zu den sieben Weltwundern. Sie war, wie auch Isis, eine Göttin des Lichts, insbesondere des Mondlichts, Beschützerin der wilden Natur und besonders der Frauen. Sie half bei Geburten, brachte aber auch den Tod. 

Sie ist es, die dem Kentauren Cheiron, dem angeblichen Begründer von Chirurgie und Arzneikunde, die heilenden Artemisien übergibt, sie ist es, die ihn ursprünglich unterrichtet. Die mythischen Erzählungen verschleiern ebensoviel wie sie überliefern, aber mit etwas Logik lassen sich Stücke ursprünglicher Verhältnisse entschlüsseln. Das griechische Wort artemisia bedeutet "Unversehrtheit": Ein Hinweis auf die Jungfräulichkeit der Göttin, die in ihrer Macht nicht durch Heirat beschränkt ist, aber auch auf die Wirkung des Heilkrautes. Es regelt die Fruchtbarkeit, hilft bei Menstruationsbeschwerden und unterstützt Frauen mit seiner abortiven Wirkung bei ungewollter Schwangerschaft.  Doch auch bei ungewollter Kinderlosigkeit werden Artemisien angewendet. Heilkundige schätzen es als Mittel gegen Angst- und Schwächezustände, Depression oder Schlafstörungen. 

 Artemis übergibt Cheiron 2 Arten von Artemisien. Bodleian Library, Oxford, MS. Ashmole 1462, Folio 23r, spätes 12. Jahrhundert

Artemis übergibt Cheiron 2 Arten von Artemisien. Bodleian Library, Oxford, MS. Ashmole 1462, Folio 23r, spätes 12. Jahrhundert

Die Göttin Artemis ist auch das beinahe vergessene Gegenüber ihres Zwillingsbruders Apollo, verdrängt durch das männlich selbstverliebte Gegensatzpaar apollinisch/dionysisch, das vor allem Nietzsche populär gemacht hat. Schöpferische Entwicklung entsteht in diesem Denken im Spannungsfeld von Apollo als Garant von Form und Ordnung und Dionysos als rauschhaftem Grenzüberschreiter. Exzess der Askese oder Exzess des Rausches, die Ernüchterung folgt beiden, die kalte harte Realität der Kopfschmerzen. Die weibliche Seite wird enteignet, verschwiegen und de facto aus dem Kulturschaffen ausgeschlossen. Selbst aus der Mythologie wird sie so weit wie möglich entfernt oder marginalisiert. Übrig bleiben Bilder von arglistigen, zänkischen oder hysterischen Frauen, die mann nicht ernst zu nehmen braucht. Nicht so Artemis, sie lässt sich nicht unterkriegen, sie bleibt unverheiratet, selbständig und bewaffnet, ihre Pflanzen sind bitter und heilsam. 

Die Bitterkeit, die uns im Alltag befällt, ist im Kraut der Göttin nur wohltuend. Bitterstoffe erinnern die Zellen an den Zustand der ursprünglichen Wildheit. Der ganze Körper wird wieder wach, lebendig, widerstandsfähig, fröhlich. Artemis-Diana, die Hüterin der Wildnis, beschützt die Wesen, die ihre eigene Wildheit leben. Wer sich entschließt, die Unterdrückung zu beenden und innere Freiheit wachsen zu lassen, ist auf dem Weg der Artemis-Diana.
— Luisa Francia

In Asien werden Artemisien nach wie vor hoch geschätzt. Die Anzahl der vorgeschlagenen Anwendungen ist überraschend breit gefächert: Fusswickel für müde Füße und zur Entgiftung, Augenmasken zur Entspannung und Straffung, Umschläge für den Rücken, Fuss-, Dampf- oder Sitzbäder bei Menstruationsbeschwerden oder Unfruchtbarkeit, Slipeinlagen, Cremen, Seifen und Gesichtsmasken, zum Räuchern und zur Moxibustion, dazu Tees und die ganz alltägliche Verwendung in der Küche als Gewürz und Gemüse. In der traditionellen Medizin finden sich neben den Hinweisen auf die Wirksamkeit gegen Wurmbefall und Verdauungsbeschwerden auch Rezepte mit Artemisien gegen Malaria und Krebs. Diesen Hinweisen geht nun auch die Schulmedizin vermehrt nach und Artemisien werden für die Medizin aufs Neue interessant. Im Jahr 2015 ging der Nobelpreis für Medizin an die chinesische Pharmakologin Youyou Tu, deren Arbeit von einer Heilpflanze der traditionellen chinesischen Medizin inspiriert wurde: Aus Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß, gewann sie die Substanz Artemisinin, die gegen Malaria wirksam ist.

Woher kommst du? Wohin gehst du? Kennst du den Weg? Was vorher war wird nachher sein. Wie eine Hand voll Wasser, die wir aus einer Schale schöpfen und wieder zurückfließen lassen: Es ist jedes Mal eine Hand voll Wasser, doch keine ist identisch mit der zuvor. Das Ende führt uns zurück an den Anfang und Artemisien begleiten uns. Sie sind Reisekräuter, sie unterstützen die Reisenden auf langen Fussmärschen, sie helfen beim Übertreten der Schwellen des Lebens bei Geburt und Tod, und sie unterstützen  die magisch Reisende. Sie vermitteln zwischen den Welten, machen die Grenzen der Welten durchlässig. Artemis, Una, die Bärin, ist die Hüterin der Schwelle. Die Schamanen Sibiriens und Nordamerikas räuchern mit Artemisien ebenso wie es die antiken Priesterinnen der Artemis taten, um sich zu reinigen, Dämonen zu vertreiben und sich mit Ahnen oder Geistern zu verbinden. Im Europa des Mittelalters und der Renaissance machte die Kirche Artemisien zu giftigen Hexenkräutern. Selbstbestimmte Weiblichkeit war in keiner Weise erwünscht, selbst die Erinnerung daran ging in den Flammen der Hexenverfolgungen auf. Es ist umstritten, ob Artemisien eine psychoaktive, also berauschende, Wirkung hat, viele Menschen spüren keinerlei Effekt. Als simple Rauschdroge sind Artemisien nicht geeignet. Bei manchen Menschen wirkt der Rauch der Artemisien subtil wahrnehmungs- und bewusstseinsverändernd, auch als Traumkraut das die Intensität der Träume und das Erinnerungsvermögen steigert.  

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Eben diese subtilen Wirkungen wussten auch viele Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schätzen, die sich vom aus Artemisien hergestellten, sagenumwobenen Absinth inspirieren ließen. Artemis im grünen Kleid, die grüne Fee huscht zur "Grünen Stunde" durch die Cafés und Gärten der Jahrhundertwende. Zu den bekanntesten Absinth-Liebhabern zählen Vincent van Gogh, Henri de Toulouse-Lautrec, Edouard ­Manet, Edgar Degas, Pablo Picasso oder Oscar Wilde. Charles Baudelaire trank ­damit gegen seine Schreibhemmungen an. Doch die grüne Fee kam bald in Verruf, bei Dauerkonsum, dem Absinthismus durch das enthaltene Thujon zu irreparablen Schäden des Körpers und des Zentralnervensystems zu führen. Inzwischen ist diese Theorie längst widerlegt: Die im Absinth enthaltene Thujonmenge reicht nicht aus, um toxisch zu wirken. Der wesentliche Faktor für die beschriebenen negativen Auswirkungen war der im Absinth enthaltene minderwertige Industriealkohol in Verbindung mit zweifelhaften Färbemethoden um das berühmte Absinthgrün zu erhalten. Das so gefürchtete Krankheitsbild des Absinthismus beschrieb oft nicht viel mehr als schweren Alkoholismus. Schließlich wurde der Konsum von Absinth wegen seiner angeblich schädlichen Wirkungen verboten. Die Kampagnen zum Verbot des Absinth zeigen genüsslich den Mord an der grünen Fee, der einstigen großen Göttin.  

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Paradies, Fegfeuer, Sündenablass – die Verehrerinnen der Artemis-Diana konnten darüber nur lachen. Du bist Teil der Natur, Teil von allem und damit ohnehin unsterblich, ist die Botschaft der Göttin. Du lebst, dein Körper zerfällt, deine Energie sucht sich neue Orte. Deine Asche befruchtet Pflanzen, in denen du lebst, dein toter Körper wird von Tieren und Pflanzen zerteilt, aufgenommen und neu gestaltet. Artemis-Diana gibt keine Versprechen für ein Leben jenseits der Körperlichkeit. Ihre Botschaft ist: Beobachte die Wildnis. Sie setzt sich überall durch. Wenn der Mensch verschwindet, dauert es keine zweihundert Jahre, bis keine Spur mehr von Menschen zu sehen ist. Befreunde Dich mit der Wildnis und du lernst etwas über Geborgenheit, Wachstum und Tod. Beobachte die Wildnis, auch die Wildnis in dir selbst, und du lernst etwas über Freiheit und überschwängliche Lebenslust. Hör auf die Botschaft der Göttin: Lass dich nicht niederringen. Steh für deine Interessen auf und wehre dich. Lass die wilde Kraft aufsteigen, die in der Artemisia mit all den Bitterstoffen enthalten ist. Der Bogen, den Diana trägt, gilt nicht der Jagd. Nicht die wilden Tiere jagd sie, sondern die Unterdrücker, die Gewalttäter, die Zerstörer der Natur. Wer sich mit Artemis-Diana verbündet, verbündet sich mit der Natur und lässt nicht zu, dass die eigene wilde Kraft, die Natur in uns, zerstört wird.
— Luisa Francia

 

 

 

 

Die Jahrhunderte sind immergrün

#greenARTtulln, #artemisiaGARTEN

Die Geschichte der Gärtnerei ist der Triumph derer mit den grünen Daumen, begleitet vom Gelächter schäumender Brunnen.
— Derek Jarman

11. Juni 2018

Es ist kaum mehr möglich zwischen den Beeten durchzugehen, die Pflanzen nehmen jede Möglichkeit sich auszudehnen wahr und beanspruchen jeden noch freien Raum. Es wird nötig sie zu stützen, denn der Weg durch dieses Dickicht, der Moment, in dem man mitten in der Stadt im satten, aromatisch duftenden Grün verschwindet, das ist der wichtigste Aspekt der Arbeit. 

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31. Mai 2018

Die Pflanzen stehen dicht verwoben, immer stärker kontrastieren dunkle Töne das satte Grün der verschiedenen Artemisien (argyi, douglasiana, annua, lactiflora, canna und vulgäre). Die Rote Melde und die zart violetten Blüten der Verena bonariensis wachsen über alle hinaus, die ersten dunklen Tomaten sind schon sichtbar. Dazwischen das dunkle Laub der Dahlia 'Bishop of Llandaff' und die schwarzen Sterne der 'Verrone's Obsidian'. Der Garten gleicht immer mehr seinem Vorbild.

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23. Mai 2018

Der artemisiaGARTEN wächst und wächst: Schon ist die erste schwarzrote Dahlie, 'Verrone's Obsidian', kurz vor dem Aufblühen - auf Augenhöhe. Die violetten Blüten der Verbena bonariensis schweben zwischen den saftig grünen Artemisien und den burgunderfarbenen Blättern der Atriplex hortensis var. rubra, der roten Gartenmelde. 

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Archaisches Grün koloriert die Zeit. Die verstreichenden Jahrhunderte sind immergrün. Grün kleidet die Erde in Stille, verebbt und flutet mit den Jahreszeiten. In ihm liegt die Hoffnung auf Neubeginn. Wir spüren, dass Grün mehr Schattierungen hat als jede andere Farbe, wenn die Knospen das winterliche Dunkel in den Hecken durchbrechen. Halluzinatorische, sonnige Tage.
— Derek Jarman

16. Mai 2018

Das Blattwerk beginnt seine Farben zu entfalten, Artemisiengrün, Chromoxidgrün, Erbsengrün, Olivgrün, Viridiangrün, Distelgrün, Smaragdgrün, Saftgrün. Mehr Grün als ein Fotograph aufnehmen kann. Sonnendurchleuchtet oder glänzend nass vom Regen. Es zeigt sich, dass Grün auch Bordeaux sein kann, Zitronengelb oder fast Schwarz, mit einem Hauch von Braunviolett.  Nur ein paar zartgelbe Tomatenblüten, roter Klatschmohn und pudrig weißer Lauch, mehr blüht noch nicht. Die Farbe steckt im Blattgrün. 

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5. Mai 2018

Noch ist der Garten nur ein Versprechen, noch sieht nichts wild aus. 

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2. Mai 2018

Vor einer Woche gepflanzt, noch einmal Erde nachgefüllt. Die Eröffnung kann beginnen...

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Der Garten muss wilder werden.

Wir haben beschlossen, wilder zu sein: Wir haben für unsere Werke der wilden Schöpfung die Wildnis gewählt.
— Mary Daly

#greenARTtulln

Es gibt sie tonnenweise: Tipps und Tricks für den Sommergarten, für den Wintergarten, Tipps für den kleinen Garten, kleine Tipps für deinen Garten. Profitipps für Macher, Gartenideen für Anfänger, mit Gartentipps zu einem immer schöneren Garten. Altes Wissen für den Garten, Bauerngarten leicht gemacht. Gartenregeln für den Kleingarten, 10 Regeln für einen attraktiven, pflegeleichten Garten. Ist der Garten nicht per definition der Bereich der gezähmten Natur, der Ordnung, jener kleine Bereich der Welt, den der Mensch unter Kontrolle hat? Der Gärtner, gottgleich, hat den Überblick, weiß wo es lang geht, wo etwas wachsen darf und wo nicht. Wurzelsperren und Insektenhotels. "Ist nicht die Lust am Gärtnern längst überformt durch einen sturen Ordnungsfanatismus, durch den die Natur gerade verhindert wird, so zu wachsen, wie sie wachsen will?" (1) Ach ja, die Natur. Wie sie wachsen will, das wissen die Ökologen und Naturgärtner: sich selbst regulierende, stabile Systeme im Gleichgewicht. Wie gut, dass sich die Natur nicht darum kümmert. Genug davon. An einem warmen Abend im August, inmitten der wuchernden Artemisien, wurde uns klar: Das Leben lässt sich nicht einschränken. Im Garten nicht einmal durch den Tod. Jeder Versuch diesem Wesen Regeln aufzuerlegen wird umgehend subtil umwachsen. Ebenso wie der Versuch aus dem Vorhandenen, naturbelassen oder nicht, etwas anderes als Kurzschlüsse abzuleiten. Die führt schon der nächste Mistkäfer ad absurdum. Da helfen keine Tipps, keine Regeln und Wachstumstabellen auch nicht. Kontrolle behalten? Ordnung? Lächerlich und nekrophil. Der Garten aber ist biophil, voll mit Leben, Lebewesen und Lebensweisen, Möglichkeiten und Enttäuschungen, die neue Möglichkeiten entbergen. Es wurde klar: Der Garten ist wild. Und sie muss wilder werden.     

Wild - was bedeutet das eigentlich? Mary Daly schreibt dazu:

"Als Hilfestellung, um den Ruf unserer wilden Natur zu hören / zu er-innern, können wir uns die seltsame und un-wahrscheinliche Sprache des Lexikons ansehen, die, entgegen all seinen Absichten, diesen Ruf übermittelt.

Wild wird dort erklärt als "im Naturzustand leben; natürliche Schlupfwinkel bewohnen; nicht gezähmt oder domestiziert ... einer Art angehörend, die normalerweise nicht domestiziert wird." Es heißt, "wachsen oder entstehen ohne Hilfe und Pflege von Menschen; nicht kultiviert; von der unberührten Natur hervorgebracht ... URSPRÜNGLICH". Es heißt, "nicht in der Nähe oder in Gemeinschaft mit Menschen lebend". Es heißt, "nicht bewohnt oder kultiviert". Es heißt, "keinen Einschränkungen und Vorschriften unterworfen: UNKONTROLLIERT, UNBEHERRSCHT, ZÜGELLOS".

Wild bedeutet: "keiner Kontrolle, Einschränkung oder Domestizierung zugänglich: WIDERSPENSTIG, UNZÄHMBAR, VERWEGEN". Es heißt "(auf ein Schiff bezogen) schwer zu steuern". Es heißt, "normale oder konventionelle Grenzen im Denken, in Entwürfen, Konzeptionen, Ausführung oder Natur überschreiten: EXTRAVAGANT, PHANTASTISCH, VISIONÄR". Es heißt, "keine Kulturaneignung einer fortgeschrittenen Zvilisation: PRIMITIV, UNZIVILISIERT, BARBARISCH". Es heißt, "sich keiner Regierungsautorität unterwerfen: UNGEZÄHMT, UNLENKSAM, REBELLISCH". Es heißt, "Charakteristikum von, gehörend zu, oder Ausdruck von Wildnis, freilegenden Tieren oder Leuten in einer einfachen oder unzivilisierten Gesellschaft oder Umgebung".

Wild bedeutet, "von natürlichem oder erwarteten Kurs, Ziel oder Praktik abweichen; handeln erscheinen oder sich manifestieren auf unerwartete, unerwünschte oder unvorhersehbare Weise: ZIELLOS, UNBERECHENBAR". Es heißt, "durch keine bekannten Theorien abgedeckt".

Wild heißt, "groß in Ausdehnung, Umfang, Quantität oder Intensität: EXTREM, GEWALTIG". Es heißt, "(auf eine Spielkarte bezogen) einen Wert haben, der jeweils vom Spieler bestimmt wird"." (2)

 Artemisia momijamae, August 2017

Artemisia momijamae, August 2017

Es heißt "lebenskräftig, stark sein, ... die Grundbedeutung von wild geht also auf ungeschwächte, ungezähmte Naturkraft zurück". Es heißt "überhaupt in unverändertem Naturzustande befindlich, in ursprünglicher natürlicher Beschaffenheit, von menschlicher Kunst und Absicht unberührt; insbesondere in Ansehung der körperlichen, physischen Natur: der menschlichen Bildung, Kultur, Zucht, Pflege oder Sorgfalt ermangelnd, nicht gezähmt, nicht veredelt, nicht angebaut, nicht künstlich hervorgebracht oder geregelt".

Es heißt "von Pflanzen, welche wild wachsen, das ist unangebaut und ohne Pflege, entgegen den Garten- und Feldgewächsen, auch ein wilder Boden, ein wildes Land, eine wilde Gegend, ohne Spuren regelnder Kunst". 

Es heißt "hässlich, garstig, schmutzig, das ist der äusserlichen Bildung oder Pflege ermangelnd, - ein wildes Gesicht, ein wildes Mädchen, auch wildes Wetter -, der gesellschaftlichen Bildung, Gesittung und geregelten Lebenseinrichtung ermangelnd, im rohen Naturzustande lebend,  ungesittet, unzivilisiert". Es heißt "der höheren sittlichen Bildung und Erziehung ermangelnd, und in diesem Mangel gegründet, sinnverwandt roh, ungesittet, unsittlich, ungezogen".

"In bestimmterer Bedeutung" heißt es "seine Leidenschaften nicht zügelnd, sinnverwandt zügellos, unbändig, grausam, in hohem Grade heftig, ungestüm: wild wüten oder rasen, wilde Begierde, ein wildes Vergnügen, wilde Blicke, ein wildes Pferd, das ist ein unbändiges, ungestümes, ein wilder Strom". Es heißt "von leidenschaftlicher Aufwallung oder Erregtheit in einem besondern Falle, höchst unwillig, ungehalten, aufgebracht, zornig, böse: wild werden, in Zorn geraten, einen wild machen, wild auf jemand sein".

Es heißt "scheu, zum Ausreißen geneigt,  auch fremd, unbekannt, fremdartig, ungewöhnlich, erstaunlich, sonderbar, seltsam, auffallend: welche Bedeutung ihren Grund in dem Gegensatz des Wilden, Ungebildeten, als eines Ungewohnten, Fremden, gegen das Gebildete, Heimische hat, daher noch jetzt: wildfremd für ganz fremd". (3)

 Artemisia annua, Dahlia 'Verrone's Obsidian' und 'Kenora  Macop B', August 2017

Artemisia annua, Dahlia 'Verrone's Obsidian' und 'Kenora  Macop B', August 2017

Ungezähmt und unbezähmbar, wütend, leidenschaftlich, hässlich, kulturlos. Die Regeln und Grenzen überschreitend, nach eigenen Regeln lebend, nur um sich auch über sie hinwegzusetzen. Was nun ist an diesem Garten wild? Eine besonders ökologisch richtige Pflanzenauswahl? Ein Porträt einer unberührten Landschaft? Das interessiert uns nicht. Keine Natur im Garten. Aus dem Garten hört man wildes Lachen. Wild ist überschwänglich und öde im Überfluss. Sie wachsen nicht in verordneten Bahnen, Zeiten und Trögen. Sie wachsen überall: zwischen den Fugen im Asphalt, in Wüste und Sumpf, Rathausplatz und Brache. Sie breiten sich aus, verwildern. Sie laden dazu ein selbst zu verwildern. Artemisien, benannt nach Artemis, der wilden Göttin, sind bitter und ungezügelt im Wachstum. Mitten im August verlieren wir uns zwischen den hohen, duftenden Pflanzen, werden selber Pflanze, verwurzeln uns wieder. Als Teil des Gartens werden auch wir wilder, leidenschaftlich, zornig und durch keine bekannte Theorie fassbar.       


(1) Michael Andritzky: Grün als Ware. In: Andritzky & Spitzer (Hg.): Grün in der Stadt – von oben/von selbst/für alle/von allen. Reineck 1981, S 117

(2) Mary Daly: Gyn/ökologie. München 1986, S 360f

(3) Johann Heyse: Handwörterbuch der deutschen Sprache mit Hinsicht auf Rechtschreibung, Abstammung und Bildung, Biegung und Fügung der Wörter, so wie auf deren Sinnverwandtschaft. Magdeburg 1849, S 1968f

artemisiaGARTEN

Ein Garten nach einem Bild für den Rathausplatz in Tulln - #greenARTtulln

Der Garten ist ein Modell der Welt im Maßstab 1:1.
— Lucius Burckhardt

Steinpflaster und Kugelahorn; niedrige, bunt und ohne sich zu versamen blühende Pflanzen bestimmen den Raum rund um die Mariensäule – ein Garten, auch hier. Das Modell einer geordneten Welt. Alles unter Kontrolle.

Der Garten ist ein Modell für unseren Umgang mit der Welt, unsere Weltsicht, unseren Zugriff auf die Welt: Egal wie groß oder wie klein er ist, birgt er immer eine Utopie in sich. Wie wollen wir leben? Fest verankert im hier und jetzt verweist der Garten auf eine Vergangenheit und auf eine Zukunft.

Der Garten muss wilder werden.

Der artemisiaGARTEN entsteht im Kontrast zu den gewohnten Beeten, wuchernd, dunkel und überschwänglich, ein Ort des Überflusses als Antithese zur gebändigten Natur. Der Entwurf des Gartens folgt in der Auswahl der Pflanzen einem gemalten Bild: Ungewöhnliche Pflanzen in einer ungewöhnliche Zusammenstellung. Die Pflanzen kommen aus unserer Sammlung von Pflanzen der Gattung Artemisia und werden ergänzt durch Dahlien und dunkle Gemüsesorten.

Die Artemisia-Arten, von denen es über dreihundert gibt, waren  bereits in der Antike als Heil- und Gewürzpflanzen bekannt. Sie haben grünlich-graue Blätter, der Geschmack ist oft bitter, ihr Duft herb-würzig und die Blüten sind meist unscheinbar. Im Garten treffen sich Pflanzen unterschiedlicher Herkunft: Artemisia annua, der einjährige Beifuss, den es in Österreich nur mehr selten gibt, und dessen heilende Wirkung gegen Malaria Hoffnung gibt. Artemisia argyi, eine in China beliebte Varietät des Beifusses. Artemisia lactiflora 'Weiße Dame' oder Elfenraute, eine intensiv duftende Sorte des Pflanzenzüchters Ernst Pagels. Artemisia momijamae, eine selten kultivierte Art aus Japan mit ungewöhnlich graugrünen Blättern und einem kontrastreichen, silbrigen Rücken. Artemisia vulgaris var. gilvescens, eine Wildart aus dem Osten Sibiriens, eine eindrucksvolle herb-aromatische Heilpflanze. Dazu dunkle Tomaten, wie die Sorten 'Dancing with Smurfs' und 'Helsing Junction Blues', die erst vor kurzem gezüchtet worden sind. Begleitend dazu die violetten Blütenschirmchen der Verbena bonarensis, rote Melde und roter Amarant, dunkellaubige und burgunderfarbe Dahlien blühen dazwischen.

Natürlich sind die Aussagen der Gärten nicht einfach lesbar; die Bedeutung von Kunstwerken – und Gärten sind Kunstwerke – ist keineswegs eindeutig. Gärten sind vielmehr das grosse Experimentierfeld, auf welchem die Zeitalter tastend in jene Gefilde vorstiessen, zu welchen sie aufschiebbare Gedanken noch nicht entwickelt hatten.
— Lucius Burckhardt

Der artemisiaGARTEN besteht aus parallel angeordneten Beeten, zwischen denen Betrachter durchgehen können, sich im Garten verlierend, umschlossen vom Geruch der Pflanzen.

Sommer 2018 am Rathausplatz Tulln, #greenARTtulln

Eröffnung: Samstag, 5. Mai um 10 Uhr

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Anita ist gegangen. 

30.5.1975 Krippau - 30.10.2017 Wien

 KAUST King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabien 2014 

KAUST King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabien 2014 

Mir kamen heute beim Malen die Gedanken her und hin und ich will sie aufschreiben für meine Lieben. Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest. Meine Sinneswahrnehmungen werden feiner, als ob ich in den wenigen Jahren, die mir geboten sein werden, alles, alles noch aufnehmen sollte. Mein Geruchsinn ist augenblicklich erstaunlich fein. Fast jeder Atemzug bringt mir eine neue Wahrnehmung von Linden, von reifem Korn, von Heu und Reseden. Und ich sauge alles in mich ein und auf. Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar.
— Paula Moderson-Becker

Ich habe Anita 2006 bei ihrer Aufnahmeprüfung in der Klasse für Landschaftsdesign an der Angewandten kennengelernt. Ich habe die eigenartige Erinnerung an diesen Tag, dass es in dem Moment, als sie das Zimmer betreten hat, ein wenig heller geworden ist, die Farben ein wenig bunter wurden. Mit der Zeit wurde sie von der Studentin zur Künstlerin, zur Kollegin, zur Freundin und zur künstlerischen Partnerin. Nach ihrem Diplom 2012 bot sich die Gelegenheit zu zweit ein Projekt bei der Chelsea Fringe in London zu machen, und danach haben wir einfach nicht aufgehört. Nicht weil wir einen großen Plan gehabt hätten, sondern aus reiner Freude. Gemeinsam haben wir riesige Wandbilder gemalt, und so viele Arbeiten auf Papier, haben Staudenbeete geplant, und haben Workshops und Ausstellungen auf der halben Welt gemacht. Anita war eine leidenschaftliche und unkonventionelle Künstlerin, präzise und voller Energie. Jeder Bereich der mit Form, Materialästhetik, Raum und Atmosphäre, mit Schönheit zu tun hatte, hat ihr keine Ruhe gelassen. Sie liebte die praktische Seite der Kunst, die Arbeit mit Farben und Pflanzen. Sie wusste was sie wollte, und wenn nicht, hatte sie genug Neugierde und Freude am Risiko um es herauszufinden.

Eines ihrer schönsten Werke nannte sie "flirrend weiss". Ein gemaltes Bild diente als Grundlage für die Pflanzenauswahl eines weiß blühenden Staudenbeetes, das sie im Botanischen Garten pflanzen konnte. Über Jahre hinweg machte sie ein Mal wöchentlich von oben ein Foto dieses Beetes, ob Sommer oder Winter. Sie war eine genaue, ausdauernde Beobachterin, die Woche für Woche jede Veränderung registrierte. Im Hintereinander dieser Bilder sieht man das Wachsen, das Blühen und das Vergehen dieser Pflanzen. Man sieht die Erde und das Unkraut. Auf manchen Bildern sieht man nur ein paar trockene Blätter. "Da ist ja nichts" könnte man sagen, aber genau diese Bilder zeigen ihre feine künstlerische Wahrnehmung: Sie sah die Schönheit der Welt auch dort, wo eigentlich nichts, nur ein wenig feuchte Erde oder ein paar zufällige Farbtupfer waren. Sie sah die Blumen in der Malerei, und die Malerei in den Blumen. Unsere gemeinsame Arbeit ist eingebettet in diesen Kreislauf aus Pflanzen und Farben.

Mit Anita zu arbeiten war mühelos wie ein Tanz. Wir wussten, was die andere tut und waren gleichzeitig neugierig darauf. Wir machten gewagte Sprünge, und vielleicht sind wir manchmal ausgerutscht, aber wir wussten, dass wir einander auffangen und aus dem vermeintlichen Fehler eine neue, aufregende Choreographie entwickeln können. Ich bin Anita für jeden Schritt, für jede gemeinsame Minute, für jedes Lächeln dankbar. Und trotzdem, es war viel zu wenig, viel zu kurz. Sie fehlt mir.

Von Landschaften und Mustern, Pflanzen und Stoffen: VIENNA DESIGN WEEK 2017

Design ist mehr als das gestaltete Objekt und wird als elementarer Bestandteil der Kulturproduktion verstanden. Das Festival macht anschaulich, wie grundlegend Design unsere materielle Kultur, unseren Alltag und unsere Warenwelt prägt, ebenso wie Lebensstil und Mode, kurzum: unser gesamtes ästhetisches Empfinden und Urteilen.
— VIENNA DESIGN WEEK

Heuer machen wir zum ersten Mal bei der VIENNA DESIGN WEEK mit – Österreichs größtem Designfestival, das 2017 zum elften Mal stattfindet. Das von Lilli Hollein kuratierte Event hat es sich zur Aufgabe gemacht, designerische Entstehungs- und Produktionsprozesse offenzulegen und das experimentelle Arbeiten vor Ort anzuregen. Ganz Wien wird zum Schauraum für Design. 

Mit Kieran Fraser Landscape Design in der Reindorfgasse 31 haben wir den perfekten Partner und eine Location mitten im Fokusbezirk Rudolfsheim-Fünfhaus gefunden. Drei Designwelten treffen hier einander: Kieran Fraser entwickelt mit seinem Team Gestaltungskonzepte für atmosphärische und gleichzeitig funktionale Landschaften. Im Mittelpunkt unserer Arbeiten stehen Pflanzen und Muster – zu sehen in großformatigen (Wall)paintings und einer hortikulturellen Installationen sowie auf exklusiven Bio-Baumwollstoffen von Rita Garstenauer (Sheen Organic Textiles). Aus den unterschiedlichen Kompetenzen entstehen immer wieder gemeinsame Projekte. Das Streben nach ästhetischer Qualität und vielschichtiger Wahrnehmbarkeit ist dabei unsere verbindende Konstante.

Zu trinken gibt es Wein von Jutta Ambrositsch und noch einiges mehr... 

Wir freuen uns über jeden Besucher!

29. September - 8. Oktober 2017, täglich 18-21 Uhr

 

Kieran Fraser Landscape Design e.U.

15., Reindorfgasse 31

 Fusion  Malerei und hortikulturelle Installation für die Vienna Design Week 2017

Fusion

Malerei und hortikulturelle Installation für die Vienna Design Week 2017

Edward Steichen: Connecticut Yankees

After the Armistice back on my plant farm in Connecticut, I decided to work on my new types of Delphinium and growing the tall garden hybrids on a small scale purely for the fun of growing them and the joy of having them around.
In 1934 I made a few interesting inter-species crosses, first using carefully selected plants of belladonna/tatsuenense referred to previously in connection with the exhibition at the Museum of Modern Art. The Cashmerianum itself and Elatum plus Cashmerianum entered the project and low-growing unidentifiable Rocky Mountain species was added. More important, I had also after many, many attempts produced two seedlings from crosses between the garden hybrids and the belladonna tatsuense crosses. Theses two seedlings were intermediate between the belladonna/tatsuenense and the garden hybrids, taller and more lusty than the belladonna/tatsuenense. They both had double elatum-type flowers like the tall parent, but they were completely sterile. About that time scientists discovered that the drug, Colchicine, which, incidentally had for a number of years had been playing an important role in the treatment of several vicious attacks I had of gout, could double the chromosomes count in plants and turn diploids into tetraploids. Plants which were sterile because they had inherited only one set of chromosomes could be rendered fertile with this drug by doubling the chromosomes. After inquiry and study I tried this on the sterile elatum/belladonna/tatsuenense seedlings. With beginner’s luck, three nice fat seed pods produced viable seed. These seedlings represented the almost miraculous beginning of a new race of what might be called a ‚bush’ Delphinium, with florets from two to three and a half inches in diameter.
Among the several dozen seedlings resulting from the Colchine treatment there was one with large single flower. As I felt the single flowers were more suitable for this bush type than the double flower I discarded the doubles and concentrated on the inter-species crosses I have previously listed, also crossing in selected Cheilanthum seedlings. As this complexly evolved new race of Delphiniums oribinated and was developed here in Connecticut, I am consequently referring to them as Connecticut Yankees and the work is far enough along now insofar that they exist in the full range of Delphinium colors. They will be ready within the next year or so to be turned over to one of our large scale seed-producing firms and, like our Mark Twain’s Connecticut Yankees, they are sure to turn up sooner or later in the land of King Arthur’s Court.
— Edward Steichen
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Lost and found: In 2013 we did some research concerning the conceptual art of hybridizing for the exhibition "(Landscape) with Flowers". One of the most prominent artist-plantsmen we found was the world famous photographer Edward Steichen. From 1908 until his death in 1973 he bred delphiniums, and he drew clear parallels between his approach to photography and to plant breeding.

On June 24, 1936, the exhibition titled “Edward Steichen’s Delphiniums” was opened at the Museum of Modern Art in New York. Just how unusual the show was can be gathered from the museum’s press release:

They are original varieties, as creatively produced as his photographs. To avoid confusion, it should be noted that the actual delphiniums will be shown in the museum—not paintings or photographs of them. It will be a ‘personal appearance’ of the flowers themselves.

From this exhibition Steichen hoped to gain recognition for breeding plants as an art form—but was disappointed. Steichen’s demands of the art business remain without much consequence to this day. For him, flowers were central objects of aesthetic work, which involve questions of form every bit as much as their intensive preoccupation with light and color. He pursued plant breeding as an art form equal of photography, painting or literature, and he remains to be discovered as pioneer of BioArt.

 In 1965 Steichen presented an entirely new variety of smaller delphinium—“a bush covered by blue butterflies.” He called this delphinium 'Connecticut Yankee', after Mark Twain’s novel A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court, and, released them with the wish "like our Mark Twain’s Connecticut Yankees, they are sure to turn up sooner or later in the land of King Arthur’s Court." Today, it is the only one of his breeds that is still available. While Steichen’s photographic works can be traded at high prices on the art market, today his 'Connecticut Yankee' variety can be had for around 2 dollars in a garden center—though without any mention of the artist. 

We managed to get some seeds and to grow some beautiful plants that were presented in the exhibition. The photo shows the varity of colors, coming out of one package of seeds. Unfortunately now they are all gone. 

das schwärzeste schwarz

...Natürlich, es gibt Künstler und sogar den einen oder anderen Philosophen, für die das alles ganz normal ist. Zum Beispiel Hokusai: „Es gibt ein Schwarz, das alt, und ein Schwarz, das frisch ist.“ Oder Ad Reinhardt: „Mattschwarz in der Kunst ist / nicht Mattschwarz / Glänzendschwarz in der Kunst ist Glänzendschwarz / Schwarz ist nicht absolut / Es gibt viele verschiedene Schwarz...“ Oder Wittgenstein: „Könnten nicht auch glänzendes Schwarz und mattes Schwarz verschiedene Farbnamen haben?“...
— David Batchelor, Chromophobie

Das schwärzeste Schwarz – es hat uns erst darauf aufmerksam gemacht, dass schwarz, wie wir es kennen, nicht eigentlich wirklich schwarz ist, sondern eben nur schwarz genug um in den sprachlichen Begriff zu fallen. Wird das schwärzeste schwarz nun die Sprache verändern?

arbeiten, mit blindem passagier

 Ernst-Arnold-Park, Vienna 2015

Ernst-Arnold-Park, Vienna 2015

Die Geschichte der abstrakten Kunst ist im Grunde die Fortsetzung der Geschichte des Ornaments mit anderen Mitteln und in einem anderen Kontext. Vor der sogenannten modernen Kunst hat die Ornamentik in allen Kulturen und durch alle Zeiten hindurch das Reich des Ungegenständlichen beherbergt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Ornament aufgrund der Krise der Dekoration im Bereich der angewandten Kunst immer obsoleter und emigrierte sozusagen in die Hochkunst, in die gerade abstrakt werdende Kunst. Zunächst wirkte es dort wie ein blinder Passagier. Doch das ganze Wissen, das es über Jahrtausende über die Formmöglichkeiten des Ungegenständlichen, und die Fähigkeit, Sinn zu bergen, angesammelt hat wird für die Entfaltung der abstrakten Kunst immer wichtiger.
— Markus Brüderlin

In einem Interview definiert Markus Brüderlin das Ornament als "blinden Passagier" der abstrakten Kunst - dieser blinde Passagier, jene Kenntnisse und Praktiken, die durch Muster und Ornamente generiert und tradiert werden, steht im Zentrum unseres Interesses. Die Verflechtungen unterschiedlicher Kompetenzen, Kenntnisse, Traditionen und Orientierungen dienen als Inspiration unserer Malerei. Diese entsteht aus dem Dialog, der Überlagerung vieler Schichten, Farben, Muster, manchmal über Jahre hinweg. Das Bild ist nicht mehr Blick hinaus durch ein geöffnetes Fenster, sondern umgekehrt: ein verstellter, gehinderter Blick, ein Blick durch Gitter, Zäune, Schleier, in verborgene Räume, das Dickicht, Boudoir, im Zwielicht. Malerei, die ebenso den Strukturprinzipen des all over folgt wie denen des Ornaments und doch weder als das eine noch als das andere hinreichend verstanden ist. Dazu die entstandenen Bilder mit Geschichten anreichern, sie mit neuen, anderen Orten verbinden und so ein dichtes Netz an Verweisen weben. Das nicht Vorhersehbare macht den blinden Passagier sichtbar.