Das Bild als selektiver Informationsträger

Hannah Stippls subversive Anleitung zum Widerstand

Hartwig Knack, 2006

Wenn ich an den Worten zweifle, die an die Mauern geschrieben sind und uns von den Massenmedien geradezu eingehämmert werden, wenn ich an den Gesichtern auf den Bildern zweifle, an den subtilen Dialektiken, an den Wortführern, an den Übertragungen überhaupt, den endlosen Diskussionen in gelehrter Runde und selbst den Gleichungen, welche die Energie aus dem Dunkel der Elemente schöpfen, dann heißt das nicht, dass ich sie für falsch hielte. Diese Worte vermögen gerade deshalb so sehr zu täuschen, weil sie es nicht immer tun.
— Michel Serres
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Ich zweifle also an jeglichem Wort, seit das Wort eine Kraft ist.
— Michel Serres

Mehr denn je wird heute politische und gesellschaftliche Öffentlichkeit vor allem durch die Medien gebildet, und zwar primär durch Bilder und weniger durch einen argumentierenden Diskurs. Vorgegebene „programmierte“ Bilder und Reize treten sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen immer massiver an die Stelle eines kritischen Reflektierens. Zum Selbstverständnis Hannah Stippls als Künstlerin gehört, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen, den Zustand unserer Zivilisiertheit mit ihren Defiziten und Gefahren immer im Auge zu behalten. Hannah Stippl arbeitet grundsätzlich in Serien. Über ein Jahr Zeit hat sie aufgewendet, um weit mehr als 300 Übermalungen von Zeitungsseiten zum Thema fertig zu stellen. Für die Schau im Oberhausener Verein für aktuelle Kunst hat sie nun knapp 20 Werke aus der Serie noticed_08/09 ausgewählt, die inhaltlich den Konstruktionscharakter medial erzeugter Wirklichkeit als Problem erfassen.

„Der Bär“, „Mädchen mit Käfer“, „Die Reise“, „Junge mit Moskitonetz“ oder „14.3.2008“ sind die einprägsamen wie lapidaren Titel der zumeist vielteiligen Arbeiten. Ob Süddeutsche Zeitung, Financial Times oder die Österreichische Kronenzeitung, die Künstlerin schwärzt und übermalt sie alle. Für ihre Zwecke interessante oder relevante Fotos bleiben von den Pastellkreiden verschont, werden ausgespart, um „Geschichten zu provozieren“. „Viele Tage versinken im Schwarz der Geschichte.“, sagt Hannah Stippl. Ihre Geschichten kommen gänzlich ohne Text aus, der nämlich ist völlig eliminiert, von farbigen und schwarzen Kreiden überdeckt.

Generell versteht man unter der manuellen Maßnahme der Schwärzung die nachträgliche Unkenntlichmachung von Textpassagen durch Einfärbung mit schwarzer Farbe. Banales Ziel ist, dass die geschwärzten Passagen nicht mehr gelesen werden können. Schwärzung bedeutet im politischen Kontext Zensur. Hier sollen Informationswege gestört, vermittelte und unerwünschte Inhalte kontrolliert und unterdrückt werden. Sehr anschaulich und plakativ führt Hannah Stippl in dem zwanzigteiligen Werk „14.3.2008“ vor, wie einfach Zensur funktionieren kann: Eine vollständige Ausgabe der Kronenzeitung hat die Künstlerin schwarz überarbeitet. Nicht aber, um diktatorisch Informationskontrolle auszuüben, sondern um auf die gängige Praxis der printmedialen selektiven Informationsweitergabe aufmerksam zu machen. Hannah Stippl enthält uns durch die Schwärzung zwar faktisch Informationen vor, will aber dennoch nichts verschweigen oder verheimlichen, hingegen sichtbar machen. Ohne Worte erreicht ihre offensichtliche Kritik an dem Kleinformat die Rezipienten: Ihr müsst nicht alles lesen, was euch vorgesetzt wird, ihr dürft nicht alles glauben, was ihr seht. Mit ihrem Tun steht die Künstlerin nicht allein da. Wiederholt wurde und wird die Schwärzung auch als (satirisches) Stilmittel angewandt, wenn auf Missstände zugespitzt hingewiesen werden soll. So erschien die Wochenendausgabe des Donaukurier, eine oberbayerische regionale Tageszeitung mit Sitz in Ingolstadt, vom 3./4. November 2007 mit komplett geschwärzter Titelseite, um auf empfundene Einschränkungen von Grundrechten und der Pressefreiheit hinzuweisen.

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Wahrnehmung ist von sich aus immer selektiv, da der Mensch nicht alle Daten, die von außen auf ihn einwirken, gleichzeitig wahrnehmen kann. Alle bildgewaltigen Medien machen sich das psychologische Phänomen der selektiven Wahrnehmung zunutze, bei dem grundsätzlich nur bestimmte Aspekte der Umwelt wahrgenommen und andere ausgeblendet werden. Tagtäglich wird uns eine Flut von visuellen Signalen vorgesetzt, der man sich kaum entziehen kann. Die einzige Chance bestünde in einer Wahrnehmungsverweigerung, die wiederum einer Realitätsverweigerung gleich käme. Es bleibt uns also kaum etwas anderes übrig, als uns also mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen und uns mit der Tatsache zu konfrontieren, dass wir durch die Medien nur mit gefilterten Informationen, die gewissen Zielsetzungen und Ideologien entsprechen, versorgt werden. Dass durch eine solche einseitige Selektion von Informationen in den Medien Zerrbilder entstehen können, dessen ist sich Hannah Stippl wohl bewusst. Und genau an diesem Punkt scheint ihre Medienkritik anzusetzen: Die Lenkung der Wahrnehmung als subversive Zensur durch die Medien. In ihrer Serie noticed_08/09 wendet Hannah Stippl genau dieses Vorgehen der (Print-)Medien an: Durch die Löschung bestimmter Informationen und gleichzeitiger Hervorhebung anderer selektiert die Künstlerin, setzt uns Rezipienten „Fertiges“ vor und nimmt uns dadurch gewissermaßen die Möglichkeit aus den Informationen, die eine Zeitungsseite eigentlich bereit hält, autonom auszuwählen. Aus gutem Grund beseitigt Hannah Stippl durch Übermalung lange Textabschnitte und kleine Abbildungen und lässt hingegen einprägsame Fotografien stehen. Der Süddeutschen Zeitung attestiert sie in diesem Kontext „einen besonderen Umgang mit Bildmaterial“. Dieses Printmedium gebe im Vergleich zu anderen „den Bildern mehr Platz“, die Abbildungen seien zudem „wesentlich größer“. Für „Medienmacher“ haben Bildwirkungen gegenüber Sprachwirkungen einen entscheidenden Vorteil: Bilder und Fotografien werden kognitiv wesentlich schneller erfasst als Texte, der Adressat wird durch visuelle Reize gezielter erreicht. Diesen manipulativen Umgang mit Bildern macht Hannah Stippl zum Thema. Durch das planmäßige Einsetzen von Selektion, Fokussierung und Reizschaffung erzielt Hannah Stippl in ihren Arbeiten eine bildmächtige Konstruktion von Realität, die uns in der Medienwelt überall begegnet.

Hannah Stippls Kunst war nie und ist auch heute kein Instrument der Zustimmung, sondern der Kritik. In ihrer Kunst bezieht sie Position und versucht, Widersprüche und deren Ursprünge aufzudecken und bewusst zu machen, statt sie harmonisierend zu verschütten. Im Kern der Serie noticed_08/09 geht es darum, eine Facette des Zustands der medialen Öffentlichkeit aufzuzeigen. Der Künstlerin geht es um die Erörterung der Fragwürdigkeit der Meinungsbildung einerseits, der Meinungsabsonderung andererseits - kurz, um das kritische Hinterfragen der seit langem zu beobachtenden, immer weiter zunehmenden Verschmelzung von Politik und Medien.