position desired_05

 Dana Charkasi, 2005

Muster und deren Einzelteile interessierten Hannah Stippl schon während ihrer Studienzeit an der Universität für Angewandte Kunst, wo sie zunächst begann, sich mit streifenförmigen, farblich aufeinander abgestimmten Hypermustern und ihren Kombinationsmöglichkeiten auseinander zu setzen.

Die Faszination des Musters macht für Hannah Stippl nicht nur die konstruktive Perspektive aus, sondern auch die schier unendlichen Interpretationsmöglich-keiten, die sich dem Betrachter anbieten. Wo der eine in dem Streifenmuster einen Lattenzaun sieht, löst dieses bei anderen Assoziationen an ein gestreiftes Geschirrtuch aus. Eine Interpretation, meint Hannah Stippl, werde in jedem Fall angestrengt, denn „nichts erkennen zu können“ bedeute für den Betrachter eine Irritierung.

Seit 1998 verwendet Hannah Stippl Walzenrollen wie sie zum Aufrollen von Mustern an Wände bis in die 70er Jahre und teilweise noch heute, verwendet wurden, beziehungsweise heute noch verwendet werden, und meist als Ersatz für die teureren Tapeten zum Einsatz kamen/kommen. Mit den Musterwalzen führt Hannah Stippl so konsequent Idee des Musters in ihren Arbeiten fort.

“Einerseits sind die Walzenbilder von Hannah Stippl durchaus als selbstreferentielle Malerei zu sehen. Zweifellos thematisiert diese Malerei sich selbst indem das spezielle Verfahren des Pigmentauftrages im Zentrum des ganzen Produktes steht: Malerei als Nicht-Malerei, eigentlich gerollte Druckgraphik mit malerischem Ergebnis, zahlreiche Wiederholungen des Gleichen, ohne dass es tatsächlich zum Rapport käme, betonte Fläche und doch beträchtliche Tiefe durch Überlagerung....“, schreibt Berthold Ecker im Katalog ‚roll over: hannah stippl’.

Urban Camouflage

Seit letztem Jahr beschäftigt sich Hannah Stippl mit dem für Europäer erst wieder seit dem Jugoslawienkrieg häufiger reflektiertem Muster der militärischen Camouflage, das über die Kriegsberichterstattung in den unterschiedlichen Medien in unsere Wohnzimmer Einzug gehalten hat. 

Für die ornamentalen und floralen Walzenmuster verwendete sie nun die typischen Camouflagefarben grün, grau und braun, was in totalem Gegensatz zur eigentlichen  Funktion der Wandmuster, nämlich Heimeligkeit und Geborgenheit zu vermitteln, steht.

Zusätzlich zu diesen neuen Farbkombinationen begann Hannah Stippl zum ersten Mal, gegen ihre frühere Überzeugung, Textausschnitte in ihre Arbeiten zu integrieren. Grund dafür war einerseits die Komplexität des Themas ‚Potential des Krieges’ und die Schwierigkeit, dies allein durch die Mittel der Malerei umzusetzen. Andererseits galt es, dem Betrachter wenig bekannte Inhalte und deren Auswirkungen vor Augen zu führen. Mit diesen Textpassagen bereichert Hannah Stippl ihre Arbeiten um eine zusätzliche Bedeutungsebene: Text wird zum künstlerischen Medium, das innerhalb der malerischen Arbeit zum Assoziationsauslöser für das von der Künstlerin angedachte Gedankenkonvolut wird, beziehungsweise dieses durch das Stilmittel der Ironie verstärkt.

In ‚urban camouflage_04’ sind die Texte markante Passagen aus einem US-Militärbericht, nachdem sich bis 2005 rund 75 Prozent aller Kriegshandlungen in städtischem Gebiet abspielen werden. Eine neue Erfindung des Militärs hat schon auf diese Vorhersage reagiert: Ein Computerprogramm ermöglicht es in kürzester Zeit die jeweiligen geographischen Spezifika wie Fassadengestaltung und Farben einer bestimmten Stadt zu sammeln, auszuwerten und daraus das perfekte Tarnmuster für diese spezielle Gegend zu errechnen. Wendig wie das Militär sein muss, kann dieses errechnete Muster auch in Windeseile auf Stoff für Tarnanzüge gedruckt werden.

Wider die Normalität 

In ihrer neuesten Werkreihe ‚position desired_05’ symbolisieren die von Hannah Stippl gewalzten Muster in Camouflagefarben sich in der Geschichte wiederholende soziale, politische und wirtschaftliche Muster sowie deren gegenseitige Verflechtung. Solche sich ähnelnden, immer wiederkehrenden Muster laufen Gefahr, als „Normalität“ angenommen zu werden. Genau diese scheinbar ewig geltenden Muster gilt es für Hannah Stippl zu hinterfragen.

So erscheinen die Textpassagen, welche die Künstlerin in diesen neuen Arbeiten mithilfe von Klebebuchstaben über die Malerei appliziert, nicht mehr - wie im Zyklus ‚urban camouflage_04’ – in versteckter Form, sondern treten dominant in den Mittelpunkt, um diese schleichende „Normalisierungsgefahr“ aufzuzeigen.

Zusätzlich zu den Textpassagen verwendet Hannah Stippl diesmal aus Papier ausgestanzte und bemalte Blumenblüten, um das Stilmittel der Ironie, das schon durch die Spannung der floralen, ornamentalen Muster in Camouflagefarben einerseits und dem Textinhalt andererseits entsteht, verstärkt.

Ausgangspunkt dieses neuen Werkblocks sind auf Websites von privaten Sicherheitsfirmen platzierte Stellengesuche von Arbeitslosen, die sich für hoch riskante Sicherheitsjobs im Irak bewerben. Die teils unheimlich anmutenden Stellengesuche werden durch die Umrahmung der ausgestanzten Blumen in eine vorgetäuschte Form von Fröhlichkeit und Normalität gehoben und wirken somit noch bedrohlicher. Für die Recherche surfte Hannah Stippl vor allem durchs Internet und sammelte so eine ganze Anzahl von Stellengesuchen von Menschen, die sich bereit zeigen, riskante Jobs im Krisengebiet Irak anzunehmen. 

Ex-military with 12 years of Canadian service. Trained as Air Weapons Tech, Medical Assistant, military prison guard.. you name it! Versatile... no fear! Looking for what may be out there. Willing to look at anything.. go anywhere.. do anything! Work individually or as a teamplayer! Have some formal education and am computer literate as well. If you are looking for me then I am looking for you!!!“, „I search for a job in Irak. No Military training but build for it. Accept any offer.“, „Hey, YOU NEED ME! Yes, I’m sharp – very sharp. I have changed my name just so you know how sharp I am. Trained in the lethal arts of cow tupping, dog-knobbing, cat scratching and whale whacking, I can do anything to anything. Really experienced in being in a forward area, my CO was a Pekinese poodle. Trained in using M80, A1-M1 and in fact all the M’s (but not the M&M’s). Good to see so many brothers here – why don’t we form a militia and take out all the prairie dogs in a 3 mile radius?“, „I have been trained in the following: recon, sniper, medic, commo, weapons (large & small) airborne, air assault, tanks, ranger, spezial forces, waterbourne tactics, demo, riot control, urban warfare, 25% payment required before deployment“, sind nur einige der von Hannah Stippl verwendeten Annoncen, mit der sie auf das alte bekannte Muster der Verknüpfung von wirtschaftlicher Misere und Arbeitslosigkeit einerseits und der Bereitschaft von Arbeitssuchenden, für Geld (fast) alles zu tun, hinweisen möchte. Diese Jobannoncen erinnern an Fotos aus den 1920er und 1930er Jahren, auf denen man Arbeitslose mit Schildern wie „Ich mache alles“ auf der Straße stehen sieht. 

Auch die brutale Sprache, mit der die Arbeitssuchenden prahlend ihre Tauglichkeit für risikoreiche Jobs anpreisen irritiert. Hierbei spielt das Selbstverständnis vieler US Bürger, deren einzige Chance auf Bildung oftmals über das heroisierte Militär läuft, eine starke Rolle. Das US-Rekrutierungssystem richtet sein Hauptaugenmerk auf Rekruten aus den unteren Einkommensschichten, die mit Angeboten für eine kostenlose höhere Bildung in die Armee gelockt werden. Aufgrund der hohen Gebühren für einen zivilen Hochschulabschluss gilt einkommensschwachen Gruppen, vor allem Angehörigen ethnischer Minderheiten, eine Militärkarriere oft als einzige Perspektive für eine höhere Ausbildung und einen sicheren Job.

Tarnungen des Krieges

Der Krieg  im Irak bietet der Künstlerin reichen Stoff für ihr Gedankengerüst um die Begriffe „Tarnung“ und „Krieg“. Viel verschleiert wird in der Berichterstattung um den Irakkrieg, zum Beispiel bei der Darstellung, beziehungsweise Nicht-Darstellung des Todes in den US-Medien: Um den steigenden Unmut unter den US Bürgern über das Engagement ihrer Regierung im Irak nicht zu steigern, werden Aufnahmen von in Särgen aus dem Irak heimkehrenden Soldaten und Aufnahmen von irakischen zivilen Opfern in den Medien möglichst ausgespart und unter dem Deckmantel der „Pietät“ den Opfern und ihren Familien gegenüber, getarnt.

Ein anderes wichtiges Faktum des Irakkriegs entzieht sich der Kenntnis einer breiten Öffentlichkeit, nämlich dass sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der ausländischen Kämpfer im Irak aus privaten Sicherheitsfirmen rekrutiert und aufgrund ihrer Nicht-Zugehörigkeit zu einer offiziellen Armee als ausländische „Zivilisten“ im Irak gelten, beziehungsweise als solche angegeben werden. Rund 10.000 dieses ausländischen Sicherheitspersonals, oft handelt es sich dabei um ehemaliges Militärpersonal, sollen sich im Irak aufhalten und in den verschiedenen Sparten, zumeist als private Sicherheitsleute, die Gebäude und Personen schützen sollen, aber auch in Kampfhandlungen zum Einsatz kommen, aufhalten. Der massive Einsatz privater Sicherheitsagenturen im Irak hat durchaus System: Laut einem Bericht in der New York Times letztes Jahr, fließen von den rund 18 Millarden US Dollar, die von der  US-Regierung zum Wiederaufbau pro Jahr in den Irak transferiert werden, gut 4,5 Millarden Dollar privaten Sicherheitsdiensten zu.. Nach dem offiziellen Ende der Hauptkampfhandlungen im Irak werden diese privaten Sicherheitsdienste noch mehr gebraucht. Private Firmen haben einen Teil der Ausbildung der neuen irakischen Armee und der Polizeikräfte übernommen. 

Wider die Rechtsnormen

Dabei bereitet Hannah Stippl vor allem der schleichende Übergang zwischen zivilen und staatlichen Sicherheitsstrukturen Sorgen. Schneller und flexibler als eine herkömmliche Armee, bieten Angestellte von privaten Sicherheitsdiensten einen weiteren großen Vorteil: losgelöst von jeglichem militärischem Kodex, können private Firmen für die US-Armee „Schmutzarbeit“ erledigen, die folglich niemandem angelastet werden kann. Imageschädigende Ereignisse wie der bekannte Folterskandal im Abu Ghraib Gefängnis, können auf diese Weise vermieden werden. 

Ähnlich verschleiernd gehen die USA laut einem Bericht in der als seriös geltenden, liberalen israelischen Tageszeitung ‚Ha'aretz’ vom 13. Oktober 2004 vor, wonach die USA im Irak aufgegriffene verdächtige Personen in umliegende, ihnen wohlgesonnene arabische Länder verfrachtet, um sie dort „verhören“ zu lassen – ähnlich dem „Vorbild“ von Guantanamo Bay auf Kuba, wo das eigene US-amerikanische, den Foltereinsatz verbietende Rechtssystem, umgangen wird. Das gezielte „outsourcing“ von Folter in Länder wie zum Beispiel Jordanien, welches von den USA als das Vorzeigemodell der Demokratisierung in der arabischen Welt hingestellt wird, muss als besonders pikantes Detail dieser Verschleierungsgeschichte gelten.

Tendenzen von „outsourcing“ staatlicher Sicherheitsfunktionen gibt es übrigens auch in Österreich. So wechselte der ehemalige langjährige Leiter der österreichischen Elite-Anti-Terrorbekämpfungseinheit COBRA, Wolfgang Bachler, in die Privatwirtschaft, um seine eigene Sicherheitsberatungsfirma zu gründen. Dass Privatisierungsmaßnahmen im Aufgabenbereich der öffentlichen Sicherheit von höchsten Stellen angedacht und befürwortet werden, zeigt die offizielle Internetseite des Bundesministeriums für Inneres, www.bmi.gv.at/oeffentlsicherheit/. Sie enthält einige Artikel, die das Thema „Mehr Privat – Weniger Staat“ in der öffentlichen Sicherheit thematisieren und somit den Weg für die „Normalisierung“ dieses Gedankenguts ebnen.